Alexei Makushinsky

Wolfgang Schlott – Rezension

Alexei Makushinsky. Dampfschiff nach Argentinien. Roman. Aus dem Russischen von Annelore Nitschke. München (Carl Hanser Verlag) 2016, 346 S., ISBN 978-3-446- 25578-3, 24.- EUR.

Wer in den Erzählfluss im „Dampfschiff nach Argentinien“ eintaucht, der sollte sich vorher die auf der vorderen und hinteren Innenseite zweimal auf rotem Hintergrund abgedruckten Personennamen anschauen. Sie setzen in einer Art Generationenlinie bei Baron Heinrich von Vietinghoff ein und enden bei Viviana Vosco. Auf der dritten Linie ist, hervorgehoben durch eine Markierung, der Name Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow (A.N.W.). International Alexandre Vosco zu entdecken. Leider fehlen die Geburts- und Todesdaten der aufgeführten Personen, ein Manko, das auf den ersten Blick gar nicht auffällt, denn der Leser wird zu Beginn des 1. Kapitels mit einem „O welcome, Messenger! O welcome, Friend! …“ aus der Feder des romantischen Dichters William Wordsworth (1770-1850) so herzlich begrüßt, dass er sich kaum über die fehlenden Daten wundert. Erst die zweite Zeile im englischen Original „A captive greets Thee, coming from a house/ Of bondage …“ könnte ihn stutzig machen, wenn er des Englischen kundig, übersetzen würde: „Ein Gefangener grüßt dich, der aus einem Haus der Fesseln kommt“. Und dann der einleitende Satz des Ich-Erzählers. Er führt den neugierig gewordenen Leser in die konkrete historische Situation ein: „Als die Sowjetmacht zu unserer unaussprechlichen Verwunderung zu wanken begann und ganz plötzlich Löcher im durchrosteten Eisernen Vorhang erschienen, begab ich mich auf meine erste Auslandsreise, im Herbst 1988 …“ Was dann folgt, ist eine anschaulich-ausschweifende Beschreibung dieser Reise im Zug von Moskau nach Paris mit einer prägnanten Konturierung der Mitreisenden, den bestechlichen Schaffner eingeschlossen. Sie erweist sich als vorzügliche Einführung in eine Erzählweise, in der die visuelle Wahrnehmung des Reisenden in einen Erinnerungsstrom eingebettet ist, der rückwärts (die Erfahrung unseres Sklavenlebens, der Erinnerungsschatz der russischen Literatur) und sogar vorwärts ausgerichtet ist (aufbrechend in die blaue Ferne). Angesichts dieser auf den ersten Blick verwirrenden narrativen Strategie nimmt es nicht Wunder, dass der Erzähler bereits im 1. Kapitel die Vision vom Dampfschiff nach Argentinien (Schlafkojen unter Deck für die ärmsten Passagiere) in seinen Bericht einbezieht, ohne die Hintergründe dieser Reise zu nennen.
Kein Zweifel, hier reist einer, der, ausgestattet mit den intimsten Kenntnissen der Weltliteratur (Nietzsches Warnruf „Die Wüste wächst“ oder „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ tauchen nicht nur als Bildungssignale mitten im Erzählvorgang auf), seine Figuren imaginiert und sie wagemutig auf immer neue narrative Felder treibt. Eingeleitet durch einen Vers des britisch-walisischen Dichters Edward Thomas (1878-1917): „I have come to the borders of sleep, / The unfathomable deep / Forest where all must lose / Their way …“, setzt das 2. Kapitel mit der Bekanntschaft des Erzählers mit einer gewissen Viviana Vosco ein. Ein gewisser M., ein „unendlich entfernter Verwandter“, habe sie, so der Erzähler, gemeinsam mit einem gewissen Pierre-Paul zusammengebracht. Und was dann folgt, ist nicht nur der Einstieg in eine Pariser Welt, die mit Comics und Vampir-Phantomen besetzt ist, eine Welt zwischen Mode und Underground, mit welcher sich der fließend Französisch sprechende Erzähler sehr schnell anfreundet. Dazu gehört auch die kurzweilige Bekanntschaft des damals 28-jährigen mit seinem letzten, nach 1917 emigrierten russischen Verwandten, dem 87-jährigen Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow, der sich in Frankreich in einen Alexandre Vosco (weil angeblich kein Franzose den russischen Namen aussprechen konnte!) verwandelt hat. In diesem Gespräch wird nicht nur der Erzähler in die abenteuerliche Emigrationsgeschichte des nach Argentinien reisenden Vosco eingeweiht, auch der Leser taucht in einen Erzählfluss ein, in dem er zu ertrinken droht, wenn ihn nicht der Erzähler an die Hand nehmen würde. Denn was sich auf den folgenden dreihundert Seiten abspielt, ist die Suche nach einer verloren gegangenen Zeit, die Entdeckung der Lebensgeschichte des angeblich berühmten Architekten Alexandre Vosco und dessen Freund Wladimir Grawe. Und je länger er über die Vergangenheit der beiden Figuren nachdenkt, desto markanter zeichnen sich die Konturen von Biografien ab, die rund fünfzehn Jahre nach der ersten und letzten Begegnung mit Vosco ein Sujet hervorbringen, das die Grundlage für die weitverzweigte Romanhandlung bildet. Der Erzähler fragt nun nach der Beschaffenheit jenes Dampfschiffs, mit dem Vosco nach Buenos Aires gefahren ist, und er versetzt sich in die Vorstellungswelt von russischen Emigranten, die „Bescheid (wussten) über Fünfjahrespläne, …, Schauprozesse, … alle diese Ukoms und Kraikoms“ und dennoch nicht die „unablässige Angst und ständige Langeweile, … dieses Gefühl der eigenen Gemeinheit“ kannten, weil “die Kenntnis der Realität … nicht das Sich-Darin-befinden (ersetzt).“
In solchen Passagen verdichtet sich die Erinnerung des Erzählers an die verflossene Zeit, und der Leser taucht gemeinsam mit seinem Erzähler in eine Vergangenheit ein, die diesem jahrzehntelang verborgen war oder nur ausschnittweise enthüllt wurde. Umso intensiver sind die Recherchen für die (nachempfundenen) Reisen. Ausgestattet mit Papieren, Fotos, Notizbüchern und sogar Aufzeichnungen, die er angeblich am letzten Lebensort von Vosco in der Languedoc gefunden hat, gelingt es dem Ich-Erzähler schließlich, sich ganz „konkrete“ Vorstellungen von dessen Reise nach Argentinien im Jahr 1950 zu machen. Doch damit nicht genug! Er findet in den Aufzeichnungen von Vosco auch umfangreiche Notizen über seinen Freund Wladimir Grewe, den das Schicksal während des Zweiten Weltkriegs ins Baltikum verschlägt, wo er durch die narrative Folie von Vosco hindurch die wechselhaften, schlimmen Erlebnisse in der Konfrontation mit den Nazis und den Bolschewiki so glaubhaft erzählt, dass der Leser ihm gleichsam blindlings folgt. Ein weltberühmter Architekt sei dieser Vosco gewesen, und wer die vielen Titel seiner Bücher, Bildbände, Vorträge und Artikel nachlesen will, der sei auf die Seite 131 verwiesen. Der Erzähler hat sie nach mühseliger Recherche in der Bayerischen Staatsbibliothek in München gefunden und breitet nun seine reichen Kenntnisse über seine Romanfigur aus. Vosco habe sogar in den frühen 1980er Jahren einer gewissen Mary Smith, einer naiven links-intellektuellen Journalistin, ein Interview gegeben. Mehr noch: der Erzähler beschreibt zahlreiche Jugendfotos seines Protagonisten und dessen Verwandten im Detail, denkt sich Alexandres ersten Liebesabenteuer aus, zitiert zwischendurch beinahe vergessene französische Dichter, berichtet über die Gründung einer Fondation Aleksandre Vosco - und der Leser folgt verzückt ob solcher präziser Phantasien einem Erzählstrom, in dem wesentliche Phasen der Kulturgeschichte Europas zwischen Moskau und Paris in wechselnden perspektivischen Einstellungen präsentiert wird. Mithilfe dieser narrativen Strategien gelingt es Alexei Makushinsky, ausgestattet mit vielfältigen stilistischen Fähigkeiten, seinen fiktiven Figuren ein hohes Maß an Authentizität zu verleihen. Der in Moskau aufgewachsene Autor, seit Beginn der 1990er Jahre in Deutschland lebend, legt mit seinem ersten Roman in deutscher Übersetzung (die kongeniale Übersetzung der oft atemberaubenden Satzkaskaden von Annelore Nitschke ist besonders zu loben!) ein episches Werk vor, in dem die Suche nach der verlorenen Zeit ungewöhnlich neue Wege beschritten hat.



Mahmood Falaki

Wolfgang Schlott – Rezensionen

Mahmood Falaki. Ich bin Ausländer und das ist auch gut so. Kurzgeschichten. Bremen (Sujet Verlag) 2016. 3. Auflage, 157 S., 12,80 EURO. ISBN 978-3-944201-17-7.

Mahmood Falaki. Klang aus Ferne und Felsen. Lyrik. Grafiken Marietta Armena. Bremen (Sujet Verlag) 2013. 2. Auflage. 73 S., 12,80 EURO. ISBN 978-3-944201-17-7.

Der aus dem Iran stammende Schriftsteller, Lyriker und Literaturwissenschaftler, seit 1983 in Deutschland lebend, entwickelt in seinen Erzählungen und Gedichten den spezifische Blickwinkel eines Ausländers, der bei der Begegnung mit anderen Heimatvertriebenen wie auch mit Deutschen den geduldigen und oft auch erstaunten Dialogpartner spielt. Geduldig, weil sein Ich-Erzähler in „Ich bin ein Ausländer und das ist auch gut so“ das Gespräch mit älteren deutschen Zeitgenossen in den U-Bahnen von Hamburg und Berlin sucht. Sein Motiv? Er wird immer wieder nach seiner Herkunft und seiner Nationalität gefragt. Grund genug, um die geografischen Kenntnisse seiner Gesprächspartner zu überprüfen und ihnen ab und zu auch aus lauter Spaß eine andere Identität vorzugaukeln. Ein Spiel, in dem er nicht nur viel über das Verhältnis der Deutschen über die „Zugereisten“ erfährt, sondern auch beobachtet, wie die anderen Ausländer sich gegenüber ihren „Gastgebern“ verhalten und von welchen Eindrücken sie sich gegenüber ihrem „Gastland“ leiten lassen. Wie intensiv und tiefenschichtig die Beobachtungen des Ich-Erzählers sind, verdeutlicht die Erzählpassage „Heiratsantrag in der U-Bahn Linie 3“. Er nimmt eine schlafende Frau in den Dreißigern wahr, beschreibt ihre im Traum versunkenen schönen Gesichtszüge, die sich jäh beim Aufwachen verändern, ja sogar „nicht mehr schön oder erotisch wie im Schlaf“ sind. Und schon nach der zweiten Station ändert sich die Situation, der Erzähler steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern die eben aufgewachte Nadine, die auf Deutsch mit einer Maryam plaudert, die am Eppendorfer Baum zugestiegen ist. Und in diesem Gespräch geht es um das Verhältnis von Weiblichkeit zu Männlichkeit – im Iran, aus dem Maryam gerade zurückgekehrt ist, und in Deutschland. Es sind spannende Wahrnehmungen über die im Iran von männlichen Blicken belästigte Frau, die im „kühlen“ Deutschland so etwas vermisst.
Solche Gespräche verfolgt der Leser auch zwischen den anderen vier Stationen. Ehedramen, materielle Not und seelisches Leid, gehässige Urteile über die „Anderen“, auch vonseiten der Ausländer, reihen sich nahtlos aneinander. Doch der Erzähler beobachte nicht nur, er mischt sich auch ein, macht sich lustig über die Versuche von irgendwelchen deutschen Besserwissern, ihm etwas „verständlich“ machen wollen. Und die sich dann wundern, wenn der „blöde Ausländer“ sie mit wohlgeformten deutschsprachigen Sätzen ins Bockshorn jagt. So wie ein mittdreißigjähriger Lümmel, der sein Liebesdrama lauthals per Handy abwickelt und sich dann noch beschwert, dass er von einem Ausländer auf den Arm genommen wird.
Doch wie kompliziert der Alltag eines alleinstehenden Ausländers abläuft, wenn er unverhofft zu einem Festakt mit Krawattenzwang eingeladen wird, beschreibt die komische Episode von einem, der auszog, sein Missgeschick zu besiegen. Der Dozent kauft sich eine Krawatte zu diesem Anlass, muss jedoch feststellen, dass er das feierliche Schmuckstück nicht binden kann. Auf der verzweifelten Suche nach jemanden, der ihm einen Krawattenknoten binden könnte, passieren ihm die verrücktesten Missgeschicke. Eine Kurzgeschichte, in der das Groteske das Tragisch-Komische überwältigt und die Absurdität menschlicher Existenzweisen thematisiert wird. Zugleich greift sie die schicksalhafte Existenz eines Flüchtlings auf, der auf der Suche nach Geborgenheit in immer neue Zwangssituationen gerät, ein geduldeter, oft auch anerkannter Emigrant, der stets mit der Frage konfrontiert wird: Woher kommst du?, ohne eine Antwort geben zu können, weil er nach vielen Jahren als Ausländer nur noch in einer Art Zwischenexistenz lebt.
Mahmood Falaki hat seine langjährige Emigrationszeit mit zahlreichen literarischen und wissenschaftlichen Publikationen angereichert. In diesem Zeitraum hat er in seiner Poetik eine besondere psychomentale und ästhetische Haltung entwickelt. Sie zeichnet sich in seinem Gedichtband „Klang aus Ferne und Felsen“ (2008 und 2013) in bestimmten Passagen ab. „Ich wurde wieder wie ein Kind:/ Nur auf den Flügeln der Erinnerung / flieht man vor der Fremdheit.“ (S. 39) Und welch intensives, warmherziges Verhältnis der Dichter Falaki, der auch eine hochspannende wissenschaftliche Abhandlung über Goethe und Hafis an der Germanistischen Fakultät der Universität in Hamburg verteidigt hat, zu dem auf Hamburger Gänsemarkt als Denkmal verehrten Gotthold Ephraim Lessing hat, beweist sein Gedicht „Dichter sind Fremde“: …. / Am Gänsemarkt / sitzt Lessing , / die Finger im Buch versenkt / sein Buch mit Wort-Tropfen gefüllt: / Kein Regenschirm schützt seinen Kopf / Dichter werden / zu Statuen / oder Wort los / …“ (S. 43).
Dass radikal schaffende Dichter in ihren Vaterländern und ihren Muttersprachen immer wieder als Fremde verpönt werden, ist Bestandteil zahlreicher nationaler Literaturgeschichten geworden, dass aber ein zwangsexilierter Dichter in einer niemandsländischen Sprache denkt und schreibt, gehört zu den bittersten Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Mahmood Falakis Zwölf-Zeilen-Traktat über diese von niemandem gesprochene Sprache wirkt auf mich wie eine Erschütterung, deren Auswirkung sicherlich nur individuell nachvollzogen werden kann: „Ich bin ein Wort / das seinen Satz verlor. / Seit meiner Geburt bin ich ein Reisender, / der immer in niemandsländischer Sprache / gelandet ist. / Ich bin ein Wort / das seinen Satz verlor; / ein paradigmatisches Wesen / das sein Syntagma sucht. / Ich bin ein Signifikant / ohne Signifié.“ (S. 44)
Diesem lautlichen Bedeutungsträger, der seine Bedeutung verlor, spürt Marietta Armena in ihren Grafiken nach. Im Zeichengewirr tauchen markante Köpfe und verwischte Silhouetten auf, manchmal auch in sich versunkene Körper. Ihre Blicke sind beinahe erloschen, wenn es nicht da und dort ein Aufbäumen gegen die Sprache, gegen den von ihr transportierten Wahnsinn gebe. Was bleibt ist mehr als ein Klang aus Ferne und Felsen, der Träume vom anderen Leben wachruft. Es sind vielmehr die Spruchgedichte, die übrigens manchmal an üppig geformte Haikus erinnern, in denen die Träume in der Realität das zum Schweigen verurteilte dichterische Wort wachrufen. Also doch noch ein Trost in der niemandsländischen Sprachheimat?

Mahmood Falaki. Tödliche Fremde. Roman. Bremen (Sujet Verlag) 2018, 317 S., 22,80 €. ISBN 978-3-96202-022-4.

Für den seit 1983 in Deutschland lebenden Mahmood Falaki, Autor zahlreicher Romane, Kurzgeschichten und Gedichtbände, promovierter Literaturwissenschaftler und Herausgeber von Persisch-Lehrbüchern, ist Fremdsein in einer ihm nach über vierzig Jahren vertrauten Kulturlandschaft mit einem vermeintlich tödlichen Risiko verbunden. Die vagen Einflüsse seiner kulturellen Herkunft vermischen sich mit Gefühlen einer existentiellen Verunsicherung, die sich in dem Gebrauch einer besonderen Umgangssprache niederschlägt. Es ist eine Sprache, die den jähen Wandel der deutschen Alltagskultur in einer geschickten Mischung aus Humor, Skurrilität und Frivolität sowohl in der dialogischen Rede als auch in dem Plot des vorliegenden Romans verarbeitet. Dieses raffinierte Verfahren praktiziert sein Erzähler bereits in der Eingangspassage des aus drei Abschnitten bestehenden Werkes. Nima, der aus dem Iran stammende Protagonist, erhält von seinem langjährigen deutschen Freund Heiko in einem Café in ein verlockendes Angebot. Ob er denn mit seiner Freundin Claudia schlafen wolle. Er habe gerade eine Affäre mit Nele, und Claudia nerve ihn. Aber er wolle nicht ganz mit ihr Schluss machen, da er finanziell von ihr abhängig sei und ein Absturz auf Hartz IV könne er sich nicht leisten. Nima, seit Jahren mit der flüchtigen Moral in seinem heimatlichen Gastland vertraut, nimmt das Angebot an, denn nicht nur in einer kapitalistischen Verwertungsgesellschaft gilt es schnell zuzugreifen. Auch wenn es um die Bewahrung ethischer Werte geht, ist Nima bereit, sofort zu reagieren. Zufällig hört er, wie an seinem Nachbartisch zwei Frauen augenscheinlich ganz locker über einen Mord parlieren. Als er insistiert, erfährt er, dass es sich um zwei Tierärztinnen handelt, die leider, leider zwei ihrer Patienten töten mussten. Zweifellos ist Nima, der wie sein engster persischer Freund Bardia sich belletristisch betätigt und sich bestens mit spannungsgeladenen literarischen Verfahren auskennt, ein kundiger Zeitgenosse. Wenngleich er sich als hilflos erweist, wenn es um echten Mord geht, zumindest auf der fiktiven Ebene. Denn als Bardia ihn anruft, um ihm zu gestehen, er habe gerade einen Mord an dem Drogenhändler Gökhan begangen, glaubt Nima ihm. Zum Tatort gerufen, wird er in eine höchst merkwürdige Sache verwickelt. Die Beseitigung der Leiche erweist sich als zu kompliziert, die Polizei will Bardia nicht informieren und alles Weitere verläuft im Nebel. Denn der Leser erfährt erst viel später, dass Gökhan bei einer Schießerei unter Drogenhändlern ums Leben gekommen sei. Bardia aber, der in der Zwischenzeit nach Berlin umgezogen ist, wird doch noch wegen dieser Mordgeschichte verhaftet, dann allerdings unter Auflagen bis zum Gerichtsverfahren frei gelassen.
Zu diesem Zeitpunkt weilt Nima, von Sehnsucht und Neugier getrieben, nach 35 Jahren wieder in seinem Heimatland Persien. Schon unmittelbar nach der Landung des Flugzeugs in Teheran wird er mit der repressiven Atmosphäre auf dem Flughafen konfrontiert. Bärtige Revolutionswächter führen ein Mädchen ab, das kein Kopftuch trägt Umso herzlicher ist dann die Begrüßung durch seine Tante und viele andere ihm unbekannte Personen, die irgendwie mit ihm verwandt oder auch bekannt sind. Doch bevor er in den Alltag seiner ehemaligen Heimat eintaucht, wird er von Träumen befallen, die ihm sein immer noch gespaltenes Unterbewusstsein verdeutlichen. Persische Schriftzeichen vermischen mit lateinischen: „Die Wörter zersplitterten in tausende blitzende Buchstaben, die, ineinander verflochten, anschwollen, verschmolzen und wie ein Komet blitzartig vor seinen Augen vorbeizogen und zischend verschwanden“ (S. 169)
Dieser zweite Romanabschnitt ist für einen deutschen Leser besonders spannend, weil Nima ihn durch eine persische Alltagswelt führt, die ihm nach der langen Abwesenheit in seinem Geburtsland fremd geworden ist. Er bedauert, dass alle Frauen in ihren Kopftüchern, ihren dunklen Mänteln oder im Tschador gleich aussahen, im Gegensatz zu den halbnackten Frauen an den Hamburger Badestränden. Er erlebt die zwiespältige Verhaltensweise von Maryam, der Ex-Frau von Bardia, die ihn sowohl erotisch und sexuell „betreut“ als auch auf seinen Spaziergängen durch Teheran begleitet. In ihrer Wohnung trägt sie moderne, modebewusste Kleidung, auf der Straße trägt sie schwarze islamische Overalls und das geforderte Kopftuch. Und als die beiden, von Revolutionswächtern angehalten und nach ihrer ehelichen Beziehung befragt, würde sie eine erhebliche Bestrafung erwarten, wenn sie nicht sowohl den weiblichen als auch männlichen Wächtern der Revolution ein angemessenes Korruptionsgeld gezahlt hätten. Der Schock über diese verlogene Revolutionstradition sitzt so tief in ihm, dass er, nach der tagelangen Einbehaltung seines Reisepasses, mit dem Gefühl einer mangelhaften Zivilcourage terminrecht seinen Rückflug nach Deutschland antritt.
Und die Quintessenz der Heimkehr aus der islamischen Fremde? Nima trifft in Hamburg seinen Freund Bardia, der gerade aus der Haftanstalt in Berlin-Tegel entlassen wurde. Beide, in der westeuropäischen Fremde sozialisiert, wollen sich nach ihren schockierenden Erlebnissen in der tödlichen Fremde und in der fremd gewordenen Exil-Heimat neu orientieren. Doch ohne Illusionen wollen und können sie nicht leben. Bardia gibt seine langjährige Freundschaft mit Nima auf, um neue Wege zu gehen. Und Nima? Er erinnert sich an einen Satz in seinem tiefsten Inneren: „Odysseus kommt nicht zurück um zu bleiben, sondern um erneut aufzubrechen.“
Mahmood Falakis Romanhandlung pendelt zwischen einer entfremdeten neuen Heimat, in der die aus dem Mullah-Regime des Iran Geflüchteten und Emigrierten existieren, und der tödlichen Fremde, in der die Kluft zwischen verlogener Revolutionshysterie und der Sehnsucht nach der regulierten Zivilisation schwer zu ertragen ist. Sein Erzähler setzt sich mit einem Schuss an Ironie mit den Lebensweisen persischer Immigranten auseinander, spielt mit dem Genre des Kriminalromans, macht sich lustig über Gangstermilieus, schildert die flüchtigen Beziehungen in der grotesken Postmoderne und ist zugleich vom Schock getroffen, als er in seiner ehemaligen persischen Heimat mit der Realität einer Pseudorevolution konfrontiert wird. Ein Roman, der von der Lebensklugheit, seiner konkreten Erfahrung mit den ost-westlichen Spannungen und der Lebensweisheit eines Autors profitiert, der aus unterschiedlichen Perspektiven die schicksalhaften Lebensumstände der Flüchtlinge bewertet. Ein Roman also, der nicht nur eine wichtige Brückenfunktion zwischen Westeuropa und dem Vorderen Orient einnimmt, sondern eine spannende Lektüre für alle diejenigen ist, die sich über die Tödliche Fremde amüsieren, Spaß an den lebendigen Dialogen und den urkomischen Schilderungen der Alltagswelt der in der Fremde Angekommenen haben.



Kira Iorgoveanu-Mantsu

Wolfgang Schlott – Matrix - Rezension

Noi, poetslji a populiloru njits. Nous, les poètes des petits peuples. Poèmes en macedonarman (Aroumain). Choix des poèmes, notes bio-graphiques, introduction: Kira Iorgoveanu-Mantsu. Traductions: Mariana Bara, Nicolas Trifon. Crombel: Charleroi 2007, 333 S.

Die DichterInnen der kleinen Völker in Europa sind in vieler Hinsicht benachteiligt. Ihre Stimmen verlieren sich am Rande der poetischen Ströme aus den sprachmächtigen Völkern, ihre Texte führen ein Aschenputtel-Dasein zwischen der aufgeputzten Lyrikbänden der lyrischen Nobelpreisträger und ihre poetischen Karrieren verlieren sich zwischen Brotberufen und gelegentlichen Veröffentlichen in irgendwelchen Anthologien, die schon bald nach ihren Premieren auf staubigen Bibliotheksregalen ein trauriges Dasein führen. Der vorliegende, liebevoll mit Abbildungen künstlerischer Werke ausgestattete Band mit dem doppelten Titel auf mazedoromanisch und französisch 20007 in Belgien erschienen, könnte ein ähnliches Schicksal erwarten, wenn, ja wenn es nicht um eine besonders wertvolle Sammlung von Gedichten und einigen Prosatexten aus einer Sprache handelt, in der in fünf südosteuropäischen Ländern auf isolierten Sprachinseln kommuniziert wird. Das Mazedoromanische, eine romanische Sprache, die gegenwärtig im Süden von Rumänien und von Bulgarien sowie in den Grenzgebieten zwischen Griechenland, Albanien und Makedonien benutzt wird. Für die Übersetzerin und Sprachwissenschaftlerin, die der Anthologie eine Bibliografie beigesteuert hat, Dr. Mariana Bara, sind es die Abkömmlinge der seit 148 v. Chr. romanisierten autochthonen Makedonier, Thraker, Illyrer und Griechen. Zu diesem Zeitpunkt schufen die römischen Eroberer die Macedonia Provincia, in deren Achse sich die Via Egnatia erstreckte, eine Straße, die das italienische Kernland mit der Adria verband. Auf diesem Territorium siedelten die Aroumains, wie sie Bara nennt, eine Volksgruppe, die rund eine Million Menschen umfasste. In den folgenden Jahrhunderten wurden sie aufgrund von Kriegen und administrativen Maßnahmen aus ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten vertrieben und bildeten seit dem 18. Jahrhundert eine Diaspora, die im 20. Jahrhundert neben den fünf Siedlungsgebieten auch verstreute Inseln in Nordamerika aufweist. 
In ihrer fundierten Einführung benutzt die Herausgeberin, Kira Iorgoveanu-Mantsu, Philologin und Redakteurin, den Begriff ‚Macédonarmans’ (Mazedoromanisch), um die These von dem ursprünglichen Siedlungsgebiet der Makedonier zu untermauern. Dabei bezeichnet sie die Makedonienstämmigen als „Rumänen vom Süden der Donau“, die vom Norden, dem romanisierten Danubien, abstammen (vgl. S. 8). In ihren folgenden Ausführungen bezieht sie sich auf Studien des Linguisten Johann Thunmann (Untersuchungen über die Geschichte der östlichen europäischen Völker, Leipzig 1774) und vor allem auf die umfangreiche rumänische linguistische Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie hatte den Begriff ‚aromân’ (fr. aroumain) eingeführt, um zu zeigen, dass „die beiden Völker, das balkanische Latein im Norden (die Rumänen) und im Süden der Donau (die Mazedorumänen) ein einziges Volk darstellen.“ (S. 9) Was die gängige Terminologie im internationalen Verkehr betrifft, so habe sich, so Mantsu, zu Beginn des 21. Jahrhundert das Makedonarmān (fr. macédonarman) durchgesetzt und ist auch in den Empfehlungen des Europarats festgeschrieben. Als europäische Literatursprache ist das Mazedoromanische seit 1997 anerkannt und erfreut sich unter der Obhut von Vasile Barba, Präsident der Union für die mazedoromanische Sprache und Kultur, seit 1984 einer regen Publikationstätigkeit. Der Sturz der kommunistischen Regime in Rumänien, Bulgarien und Albanien hat seit 1990 diese Veröffentlichungsaktivitäten auch in diesen drei Ländern verstärkt. Die vorliegende Anthologie mit Gedichten von Autoren aus den verschiedenen Siedlungsgebieten sei, so Mantsu, ein Zeugnis der Wiederaneignung einer spezifischen Identität, ein Sieg der Dichter, die … den Sieg der Sprache verkünden. Sie ist ihre Antwort auf die historischen und linguistischen Spekulationen, die Verwirrung um ihre Vergangenheit und ihre Kultur stiften.“ (S. 15)
Was also haben die in ihrer mazedoromanischen Sprache dichtenden Autoren wieder entdeckt? Ist sie „ein Schrei, durchsetzt von Leid und Nostalgie, ein Alarmsignal“? (Vgl. S. 16) Ist die über 2000 Jahre alte Sprache in Gefahr? Mit welchen poetischen Mitteln will sie sich retten? In welcher Weise äußern sie ihren Stolz auf Alexander den Großen? Welche kulturellen Elemente aus der Römerzeit siedeln sich in ihren Texten an? Wie werden sie in der zeitgenössischen Kultur der Moderne und deren postmodernistischen Ausdifferenzierungen verarbeitet? Das älteste Zeugnis in der Anthologie, deren Texte nach dem Geburtsjahr der Autoren angeordnet sind, gehört Constantin Colimitra (1910-2001), der über seine Sprache (limba) dichtet: Meine Wurzeln steigen / In die entfernten Höhen / Und ich kann nicht verbergen / Dass meine Mutter ein schöner Stern war! (S. 20f. Übertragung WS) Er bezeichnet seine Sprache, nach seiner von Empathie erfüllten Reise zu seinen Vorfahren, als „honigsüß und frisch wie eine Rose.“ Verzweifelt hingegen klingt der Gesang der Mazedoromanen bei Steryiu Dardaculi, einem 1947 in Griechenland geborenen Dichter: „Die unglücklichen Mazedoromanen zerstreuen sich / so wie Blätter im Wind … / Sie verlieren ihre Bräuche und ihre Sprache / Ihr Haus und ihren antiken Hof …“ (S. 118) Und Toma Enache (Jg. 1970), in der Dobrucha (Rumänein) geboren, beschreibt Das Herz der Armans“: „Das Herz der Armans muss ausgegraben werden / denn es bewohnt einen zu anderen Gefühlen erhobenen Körper / Das Herz der Armans muss wieder entdeckt werden / bedeckt und exhumiert, denn ohne es / stirbt der Arman!“ (S. 294).
Sieben Abbildungen mit gegenständlichen und abstrakten Motiven schmücken die Anthologie, verleihen ihr eine Atmosphäre, die zwischen rustikalen Elementen einer vergangenen Kultur und einem Blick auf moderne Ornamentik schwankt. Sie vermitteln also die flüchtigen Impressionen einer Diaspora-Gemeinschaft, die um ihr Erbe kämpft.
Das Nachwort aus der Feder von Nicolas Trifon reflektiert die Situation der Autoren, die sich des Mazedoromanischen bedienen. Es wendet sich gegen jegliche Versuche, diese auf so wunderbare Weise gerettete Sprache zu verstaatlichen, sie an eine nationale Kultur anzuketten. Die im wallonischen Belgien erschienene Anthologie, finanziell unterstützt von mehreren Stiftungen, entstanden auf der Grundlage von unermüdlichem Fleiß und hohem Engagement, ist nicht nur ein Beweis für europäische Offenheit, sondern vor allem ein Zeugnis der vielstimmigen Kultur Europas. Die beigefügte Bibliographie und die zahlreichen Verweise auf Sekundärliteratur runden den in jeglicher Hinsicht überzeugenden Eindruck einer gelungenen Publikation ab. Dank auch der zahlreichen ÜbersetzerInnen, die die mazedoromanischen Originaltexte in ein flüssiges, gut rezitierbares Französisch verwandelt haben.

 

Dieter Schlesak

Wolfgang Schlott – ZU DEN NEUEN E-BÜCHERN VON DIETER SCHLESAK 

Seit etwa einem Jahr hört man immer mehr von der Ablösung der Gutenberg-Galaxie durch das eBook, das direkt und sofort aus dem Internet abrufbar ist. Und neue Lesegeräte wie „Kindle“ sind in den USA auch schon auf dem Markt, die ohne Bildschirmflimmern das papiergerechte Lesen gut nachahmen und das Bild-schirmlesen, das viele vom eBook abhält vergessen lassen!. Viele Verlage bieten schon parallel Printbücher und e-bücher an, meist Bücher in beiden Formen. Dies hat auch Dieter Schlesaks Verlag in Köln getan und seinen Liebesroman „Romans Netz“ nun auch als sofort abrufbares, viel billigeres eBook herausgebracht unter: http://www.beam-ebooks.de/ebook/999930930
Doch der Autor Dieter Schlesak hat auch, der dauernden Verlagssuche müde, die seiner äußerst reich gewordenen Ernte nicht mehr nachkommen kann, mit seinen neuesten Büchern das Experiment gewagt und einige dieser im Jahre 2008 und 2009 fertig gestellten Bücher, sozusagen als Voraus-Veröffentlichung abrufbar gemacht:
So sein nach „Vaterlandstage“ und „Capesius, der Auschwitzapotheker“ wichtigstes Buch, das nun fertig geworden ist, den Zeit-Roman „Transsylwahnien“ als eBook herausgebracht.

TRANSSYLWAHNIEN. Roman

Dieter Schlesaks Heimatregion Transsylvanien wird bewusst als „Transsyl-Wahnien“ (Transilmania) bezeichnet, weil die Unvorstellbarkeiten ihrer Geschichtstragödien aus ihr eine der „verrücktesten“ und von der Geschichte am heftigsten gebeutelten Provinzen Europas gemacht haben. Sie ist mit dem europäischen Schicksal eng verbunden. Europas Gewalttaten und dessen Blutspuren haben, vor allem auch im 20. Jahrhundert, diese ungemein vielgestaltige, schöne und reiche Gegend fast zerstört, da sie alle europäischen Desaster, oft noch in gesteigertem Maße als sonst wo, durchleben musste.
Transsylwahnien ist der dritte und letzte Teil der Transsylvanischen Trilogie. Der erste Teil ist der Roman: Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens (Zürich 1986), und der zweite Teil: Capesius, der Auschwitzapotheker (Bonn 2006), der jetzt ein weltweiter Erfolg zu werden verspricht. Er wurde bisher nicht nur in die Sprachen übersetzt, in deren Ländern der Roman handelt, also ins Polnische (Auschwitz), ins Ungarische (es waren 1944 die ungarischen und trans-sylvanischen Juden, die in diesem Höhepunkt der Vernichtungsaktion in den To-desfabriken vergast wurden). Ins Rumänische, Transsylvanien gehört zu Rumänien, ins Italienische (das Buch handelt zum Teil in Italien, wo der Autor lebt), dann gibt es Verträge mit einem spanischen Verlag, und vor allem, der Roman wird jetzt ins Englische übersetzt und erscheint in einem der größten amerkanischen Verlage Farrar, Straus & Giroux in New York. Weiter ins Hebräische, in Holländische, ins Spanische, ins Portugiesische, ein Brasilianischer Verlag wird ihn übersetzen.
Und nun der neue Roman Transsylwahnien. Dieser führt mit seiner Handlung und seinen Figuren mitten in diese grausame Geschichte; in allen drei Romanen werden Geschichte, die Katastrophen, die Diktaturen, das Schicksal von Menschengruppen als Familiengeschichte und Lebensgeschichte, Leiden und Tod, Verfolgung, Entwurzelung, Exil und gnadenlose Verluste von Einzelnen in zwei Weltkriegen, bis hin zur Endstation der Historie – Auschwitz, in Dokumentar- und Zeitliteratur übersetzt.

Transsylwahnien (Wahnien also) - anhand einer Familiengeschichte wird von dieser verrückten alten Kulturlandschaft erzählt, die jeder nur als Draculaland kennt, die aber vor allem im blutigsten Jahrhundert der Menschheitsgeschichte mehr an historischem Horror bietet als das eher kindliche Gruselmärchen. Vom Auschwitzapotheker bis hin zur Securitate.
Der Leser kann das blutige 20. Jahrhundert so überschaubar wie das Meer in ei-nem Wassertropfen aus erster Hand mit dem Blick eines Zeitzeugen nacherleben.

Transsylwahnien. Dieser neue Roman Dieter Schlesaks führt also mit seiner Handlung und seinen Figuren mitten in diese grausame Geschichte; in allen drei Romanen der „Transsylvanischen Trilogie“ werden Geschichte, die Katastrophen, die Diktaturen, das Schicksal von Menschengruppen als Familiengeschichte und Lebensgeschichte, Leiden und Tod, Verfolgung, Entwurzelung, Exil und gnadenlose Verluste von Einzelnen in zwei Weltkriegen, bis hin zur Endstation der Historie – Auschwitz, in Dokumentar- und Zeitliteratur übersetzt.

Transsylwahnien, nomen est omen, denn „Wahnien“ hieße Land des Irrsinns, handelt nicht in Auschwitz, wie „Capesius“, sondern vor allem im postkommunistischen Transsylvanien, das ja auch der Handlungsort Dracula ist, in vielen Rückblenden in die Kriegs-und Nachkriegsjahre, sowie in Deutschland und Italien; so ergibt sich ein wechselnder ost-westlicher Handlungsraum.
Das Besondere dieses Buches ist, dass dieses brisante deutsche Schuld-Thema auf ganz besondere und bunte Weise in einer Vielvölker- und Sprachumgebung Transsylvanens erscheint. Transsylvanien gehört zu Rumänien, auch zum roten Ceausescu–Rumänien. Terplan, der Emigrant, der Hauptheld, ist aus dem Ceausescu-Rumänien geflohen. Er unternimmt auf Verlangen und als letzter Wunsch seiner Mutter, eine gefährliche Rückkehr „nach Hause“ um „nach den Häusern und den Gräbern zu sehen.“ Und diese Rückkehr wird letztlich zu einem großen Toten- und Erinnerungsgespräch mit der Generation der Väter, vor allem auch mit jenen, die (außer Capesius) an der vordersten Front des Verbrechens standen, mit Menschen aber, die nur noch im Gedächtnis des Protagonisten leben. Und so wird er ebenfalls zu einem wichtigen Augenzeugen der Augenzeugen eines der blutigsten Jahrhunderte Europas.

Es sind die Abgründe auch des Selbsterlebten, die eigene Lebensgeschichte und die siebenbürgisch-sächsische Familiengeschichte, die in der Nazizeit eng zur schuldhaften deutschen Geschichte gehört (der Auschwitzapotheker kam aus meiner siebenbürgischen Heimatstadt), und dann die Schock-Erfahrungen in der roten Diktatur mit ihren Gefängnissen, der Securitate und ihrem Verfolgungswahn. „Transsylwahnische“ Geschichte spiegelt, wie in einem Brennglas auch die deutsche Geschichte der letzten siebzig Jahre als siebenbürgische Familiengeschichte: Krieg und Nachkriegszeit, kollektiver Wahnsinn und Vaterlandsverlust., das Bodenlos-Leben zwischen Ländern und Kulturen von heute. Der Roman versucht, in sprachliche und stilistische Strukturen zu übersetzen, was an die Grenze jeder Erzählmöglichkeit und Romanform heranführt. Der Tod und der Geschichtstod stehen im Mittelpunkt, und das dem Einzelnen Zugefügte, das eigentlich jede Sprache verschlägt. Nähe mit allen Alltagskleinigkeiten bis ins Banalste im Familien- und Kleinstadtgeschehen allein, lassen Unvorstellbarkeiten fassbar werden. Das Buch ist der Mutter des Autors gewidmet, und sie, die noch den Ersten Weltkrieg erlebt hat, die Auflösung der k. u. k. Monarchie, die Nazizeit, mit dem Krieg und den Kriegstoten, das Wissen von den Lagern, die rote Diktatur mit ihren Enteignungen, die Aussiedlung nach Deutschland, bitteren Heimatverlust und Exil, ist die eigentliche Protagonistin dieses Familienromans.

„Transsylwahnien“, eBook, ISBN-10: 3939845906 , Best.Nr.: 26122535,
Verlag ciando, München 2009, 329 Seiten, 8 €.
Das Buch ist online abrufbar bei www.Hugendubel.de, www.Buecher.de, www.Weltbild.de, www.bol.de u.a. e-book-ketten auch in der Schweiz www.buch.ch.

Über den Autor: Dr .h.c. Dieter Schlesak ist in Transsylvanien geboren, er ist ein bekannter deutscher Lyriker, Essayist, Romancier, Forscher, Publizist und Übersetzer. Er lebt seit 1973 in der Toskana und in Stuttgart. Er ist Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums und des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland (London). Zahlreiche Preise; zuletzt Preis der Schillerstiftung Weimar, 2001, Maria Ensle-Preis der Kulturstiftung Baden-Württemberg, 2007 für das Gesamtwerk. Über dreißig Bücher. Zuletzt: Capesius, der Auschwitzapotheker, Bonn 2006; Namen Los, Gedichte, Ludwigsburg 2007; Vlad der Todesfürst. Die Dracula-Korektur, 2007, 2009. Heimleuchten, Gedichte, Ludwigsburg 2009.

Als eBooks: Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod, Autorensachbuch, München 2009; Romans Geister, Roman, Shaker media, Aachen 2008, Romans Netz, Ein Liebesroman, www.beam-ebooks.de/ebook/999930930 

 

Shahla Aghapour

Wolfgang Schlott – für Matrix

Shahla Aghapour. Oliver Twist in Teheran. Gedichte. Ludwigsburg (Pop Verlag) 2010, 110 S., 13, 90 €. ISBN 978-3-937139-98-2

Die seit 1988 in Deutschland lebende iranische Künstlerin und Schriftstellerin wählt in ihrem Gedichtband, der auf dem Cover neun farbige Reproduktionen aus ihrem malerischen Oeuvre zeigt, eine berühmte literarische Figur, die zum Sinnbild kapitalistischer Ausbeutung geworden ist. In der vorliegenden Publikation, auf deren Rückseite Sheila Aghapour mit einem Zitat aus dem Titelgedicht abgebildet ist, wird Oliver Twist zum Symbol der leidenden Straßenkinder von Teheran: „Die Straßenmenschen / sie weinen nicht vor Angst / sie altern vor ihrer Zeit“ (S. 83). Sie sind abhängig von den „Herren des Opiums / deren Seelen längst gestorben / sie rufen die Süchtigen in den Tod.“ (S. 83)
Aghapours Gedichte sind leidenschaftliche Anklageschriften gegen das unmenschliche Regime der Mullahs, deren religiöser Fanatismus voller Zynismus ist, unter deren Gewändern die teuren Anzüge der Haute Couture ihren absurden Hass auf den dekadenten Westen widerspiegeln. Aghapours Verse, die oft apodiktisch ausformuliert sind, sind voller Sehnsucht nach einer heilen Welt, die der kranken Welt diametral entgegensteht: „Ich schaue die Welt / wie sie an den Menschen erkrankt.“ (S. 56). Und diese Menschen tragen „das Lachen – das Weinen – das Leben / die …Vernichtung in sich …“(S. 56) Und das lyrische Ich? Es mäandert zwischen den Welten, dem Kosmos und dem Chaos der Erde, sowie zwischen der Welt des Exils und ihrer Heimat. Noch stärker allerdings erweist sich der Wunsch, „Eins in zwei Welten“ (vgl. S. 9) zu sein: „ich löse mich im Ozean der Welten auf / Ich werde Staub / der kleinste Teil des Kosmos … An der Grenze der Liebe / steige ich – wie ein Keim / in zwei Welten empor.“ (S. 9). Dass der Lyrikerin im Kampf mit den Heucheleien der Mullahs auch weniger glückliche Wendungen verwendet, mag der Übersetzung aus dem Persischen geschuldet sein: „Die Nabelschnur des Schicksals / wurde geschmiedet durch die Rufe des Muezzins / die gewaltsam in mir vertieften / was ich niemals verleugnen kann.“ (S. 9) Auch in „Reisende“ erweisen sich die lyrischen „Bilder“ im Original sicherlich von einer prägenden Kraft, im Deutschen hingegen klingt „Sie kettete / den Hauch der Nacht / an die Ufer …“ (S. 10) ein wenig manieristisch. Ebenso trifft ein solcher Eindruck auf die philosophischen Sentenzen zu. „Chaos des Kosmos“ setzt mit einer einprägsamen Erinnerung an die Kindheit ein, geht zur Bewertung des Philosophen über, der sich „zu jeder Wirkung / … seine Ursache“ schaffe, um im Bild des Derwisch mystisch zu enden: „Für den Derwisch / das alles ist gleichgültig / und ein Dichter kann / als Gefang’nen im Spiegel / den Mond sich halten“ (S. 17).
Deutlich und markant klingt das lyrische Ich von Shahla Aghapour immer dann, wenn es um die Verteidigung der elementaren Menschenrechte im Iran geht. Sie klagt die Männer an, weil sie den Frauen die Wahrheit vorenthalten, wie in „Reise“: „Ich sah einen Mann / der einen Kerker erbaute / um die Wahrheit darin zu verbergen / und eine geduldige Mutter / die all ihre Familie im Kriege verloren ..“ (S. 45) Und sie klagt die iranische Diktatur an: „Wo unser Land ist / das Land der Diktatoren und der Willkür / wo man Frauen steinigt / und Menschen erhängt / dort ist unser Land / - Wo man die Freiheit erniedrigt / und die Menschenwürde foltert …“. Sie weckt den Widerstandswillen der reformerischen Kräfte, indem sie ihre ganze Trauer über den Tod der Studentin Neda zum Ausdruck bringt, die im Sommer 2009 bei Unruhen in Teheran erschossen wurde: „Ich bedecke deinen Hals mit Sternenküssen / er ist rot / rot wie der Mohn / rot wie die Blume Arghavan.“ (S. 78)Andererseits entwirft Aghapour oft Bilder einer idyllischen Erde, die in ihrer persischen Muttersprache augenscheinlich eine blumenreiche Ornamentik entfalten, in ihrer deutschen Verkehrssprache jedoch verschwimmende Eindrücke hinterlassen. In „Traum des Lebens“ vergleicht sie ein anzustrebendes Paradies mit ihrer erlebten Realität, in der Elend, Krieg und Mordanschläge vorherrschen, um nach einer Welt „ohne Schranken, eine ‚Welt ohne Hass’ (S. 60) zu rufen.
Natürlich ist Shahla Aghapour auch eine orientalische Märchenerzählerin, die ihre Hörer und Leser in ein Fest der Sterne am Ende aller Galaxien führen will. Unter dem Titel „1001 Nacht“ entfaltet sie ihre wuchernden Bilder vom duftendem Erdgeruch, den Gesängen der Kanarienvögel und den Geheimnissen der Götter. In dieser ornamental ausgeschmückten Poesie liegt der ganze Reiz des vorliegenden Bandes, dem man sich noch einige handgemalte Bilder der Künstlerin als Illustration gewünscht hätte.
Es bleibt der Eindruck, dass die Mehrzahl der Texte von einer eigenwilligen Verzweigung der lyrischen Felder geprägt ist, so wie es in „Essenz“ lautet. „Ich bin / ein gespaltener Kern / ein Teil der Essenz / aus der Quelle des Alls.“ (S. 97). Sind es die psychischen Leiden des langjährigen deutschen Exils, die Shahla immer wieder in ihrem Gedankenfluss schwanken lassen? Entwickeln ihre lyrisch verdichteten Bilder immer dann erst ihre Wirkung, wenn sie im Bündnis mit ihren künstlerischen Bildern wirken können? Oder sind es die wundervoll geschwungenen Buchstaben der persischen Sprache Firsi, die nach der dürftigen Gestalt der deutschen Lettern greifen, um ihnen eine lautliche Qualität zu verleihen, die in unserer Sprache leider nicht in den Gehörgängen widerhallt.

 

Balthasar Waitz

Wolfgang Schlott

Balthasar Waitz. Krähensommer und andere Geschichten aus dem Hinterland. Temeswar (Cosmopolitan Verlag) 2011, 205 S., ISBN 978-973-8903-97-5 

Es ist ein raffinierter Erzähler, der mal aus kindlicher Perspektive, mal aus der Sicht eines allwissenden Chronisten berichtet, mal auch in die Rolle eines unzuverlässigen, ja sogar naiven Erzählers schlüpft, wenn er sein Hinterland, die dörfliche Welt des Banat, beschreibt. Und in dieser rustikalen Welt, die sich der sozialistischen Denk- und Handlungsweise annähern soll, tummeln sich Figuren, die aus der Sicht des so wendigen Erzählers mit wunderlichen, mitunter skurrilen Eigenschaften ausgestattet sind. Wie zum Beispiel der ungarische Schafhalter Mikulasch, ein Mann unbestimmten Alters, mit roten Backen und einem verwilderten Bart, der scharf nach Schafstall riecht. Oder der junge Schrameck, ein begnadeter Trompeter, der bei verschiedenen feierlichen Anlässen politisch nicht opportune Lieder bläst und deshalb von den Parteioberen misstrauisch beäugt wird. Aber bei besonderen Anlässen, wie der feierlichen ersten Fütterung der Wunderkühe aus dem kapitalistischen Holland im staatlichen Kuhstall, ist er gefragt. Weil seine Trompete so machtvoll die stümperhaften Hurraschreie der Dorfbewohner bei der Generalprobe übertönt. In der Zwischenzeit, bevor die großen Tiere in ihren Wolgas kommen, hat der Parteisekretär vom Rayon, der Genosse Marcu, alle auf Vordermann gebracht. Auch die Melkerinnen, die Tierpflegerinnen und die Dorfältesten, denn Ordnung und Hygiene müssen sein. Zusammen mit dem Agronom und dem Tierarzt sorgt er deshalb dafür, dass alle einen weißen Kittel anziehen, ihre Haare waschen, sogar ihre Fingernägel polieren. Auch die Gegenstände rund um den Kuhstall müssen dran glauben: sie werden geweißt, denn, so Marcu, Kalk ist gesund und gut gegen jegliches Ungeziefer.
Doch die reale Welt der Dörfler im Banat steht im krassen Gegensatz zu dieser erzwungenen verkalkten Ordnung. Sie bildet gleichsam eine Fassade, hinter der sich das eigentliche Leben abspielt. Und über diese Menschen, die Nachfahren der schwäbischen Einwanderer aus der frühen Neuzeit, aber auch rumänischer und ungarischer Herkunft, manchmal auch Umsiedler aus der Sowjetunion sind, weiß der Erzähler viel mehr Bescheid als die Offiziellen, die aus dem rumänischen Kernland in die nordöstliche Provinz geschickten Aufpasser. Manchmal sogar streicht sein Blick wie auf einem Röntgenschirm durch das Innenleben all dieser von einem jämmerlich tristen Alltag gequälten Menschen. Wie in den sechs Episoden, die unter dem Titel Nachtzug aus der Perspektive der Dörflerin Katharina aus Nitzkydorf, dem Geburtsort des Autors, die triste Welt der Männer beschreiben, die irgendwohin zur Arbeit fahren, übermüdet, mit leeren Blicken. Und wenn im Morgengrauen sich die Konturen der flachen Landschaft abzeichnen, dann erfasst sie der Erzähler so: „Am Rande der Stadt stehen wüste Friedhofe. Massengräber, blumenlose, graslose. Die gefallenen Fabriken mit ihren tausend amputierten Gliedmaßen. … Die Landschaft ist hier eine Krankheit. Der Fluss ist schwarz. In der Bersau schwimmen kleine, ölbefleckte Leichen.“ (S. 136f.) Er ist überhaupt ein omnipräsenter auktorialer Erzähler, dem es gelingt, immer wieder aus der Weltwahrnehmung seiner Personen einige wenige Augenblicke aufzuzeichnen, so wie Katharina beim verschwommenen Blick auf die vorüber fliegenden traurigen, kahlen Hügelkämme ihr Leben reflektiert, das „wie ein fremder, verschlissener Vorhang aus dem Hals“ hängt.
Je länger sich der Leser in diese dörfliche Welt am Rande von industrialisierten Landstrichen vertieft, desto mehr vergeht ihm das kichernde Lachen über die skurrilen, vom Schicksal geschlagenen Zeitgenossen, desto mehr wird ihm bewusst, wie die Überlebenden des Russlandfeldzuges und die vielen nach Russland deportierten Deutschen unter der Erinnerungen an ihre toten Verwandten und ihre eigenen Erlebnisse leiden. Mehr noch: wie sie sich im rumänischen kommunistischen Regime durchschlagen müssen. Egal, ob es alte Nazis waren, ob sie auf Gedeih und Verderben dem nationalkommunistischen Staat dienen, mit dem roten Parteibüchlein in der Hosentasche, wie der harmlose rotnasige Farmleiter im Niemandsland oder der hinterlistige Parteisekretär Brumaru, oder die russischen Melker, die in den Baracken gleich hinter dem Dorf hausen, „zwischen Lumpen und Schafsfellen, auf den Matratzen voller Läuse.“ (S. 140) Doch der stets schweifende Blick des Erzählers entdeckt noch viel mehr: die Welt der benachteiligten Frauen, die, oft geschieden, sich mit einem kläglichen Lohn ihre Kinder durchbringen müssen; das mühselige Leben einer unverheirateten Lehrerin, die zum Gespött der Dörfler wird; eine Fantasie-Welt aus der jüngsten Vergangenheit, und die Suche nach einer tröstlichen Welt, wie in der abschließenden kleinen Erzählung, in der ein Rabe aus der Welt der dörflichen Ahnen auftaucht und die Dorfbewohner aus ihrem Schlaf wecken möchte. Doch vergebens. Selbst in den noch existierenden Kirchen, in denen die evangelischen, katholischen oder orthodoxen Gläubigen ihr Seelenheil finden, scheint die Erinnerung an die Ahnen im dörflichen Leben immer mehr zu schwinden. Noch sind es die Frauen, die in ihren Trachten und in bunten Häubchen da und dort die vorderen Reihen in Dorfkirchen füllen, während die Männer sich längst in die Dorfkneipen verzogen haben. Sicher aber ist, dass in den Dörfern des Banats mit ihrer einstigen deutschstämmigen Bevölkerung die tradierten Bräuche verschwinden, die Friedhöfe veröden und sich eine ethnisch gemischte Bevölkerung ansiedelt.
Das Fazit des Autors, der in einem Banater Dorf aufgewachsen ist und deshalb mit dieser Welt von Kindheit an mit allen Nuancen vertraut, ist trotz seines bodenständigen Humors von Melancholie und Trauer bestimmt. Er ist der letzte heute in Temeswar lebende Vertreter der „Aktionsgruppe Banat“. Sie musste sich Mitte der 1970er Jahre auf Druck der rumänischen Behörden auflösen und ihre Vertreter haben in der Zwischenzeit in der deutschen und internationalen literarischen Öffentlichkeit einen bedeutenden Platz erhalten. Umso mehr Aufmerksamkeit sollte diesem Erzählband gewidmet werden, weil die in ihm auftretenden Figuren nun ein dörfliches Erbe antreten, das ihre schwäbischsprachigen einstigen Bewohner in mehr als vier Jahrhunderten geschaffen haben und das nunmehr einer neuen Art von multikulturellen Gemeinschaft weichen muss. Die Figuren in Waitz’ fiktionaler Welt übernehmen gewisse Traditionen, wohnen teilweise in den verlassenen Häusern und bedienen sich auch bestimmter überlieferter kultureller Bräuche. Ob sie die sich herausbildende dörfliche Mischkultur mit ihren unterschiedlichen Sprachgruppen mit tragfähigen Werten versehen, könnte sich in dem hier vorliegenden Erzählbandes bereits abzeichnen. Auf jeden Fall führt der Autor den Leser aus der nationalkommunistischen Welt des späten Ceauçescu-Regime hinüber in postkommunistische Lebensweisen, vermittelt ihm die Denkart der kleinen Leute, macht sich lustig über die erstarrten Rituale vor allem der Männerwelt, hat keine Scheu vor der Benutzung auch ungarischer oder rumänischer Begriffe und schafft auf diese Weise ein eindrucksvolles Panorama einer randständigen Mischkultur, die viel lebendiger als manche Monokultur ist.

 

Olivia Spiridon, Hrsg.

Wolfgang Schlott

Deutsche Erzähler aus Rumänien nach 1945. Eine Prosa-Anthologie. Textauswahl, Einleitung und biobibliographische Angaben von OLIVIA SPIRIDON. Mit einem Vorwort von ROMULUS RUSAN. Bukarest (Curtea Veche Publishing) 2012, 504 S., ISBN 978-606-588-324-6.

„Der Begriff deutsche Literatur aus Rumänien oder die Wortschöpfung ‚rumäniendeutsche’ Literatur impliziert eine doppelte Zugehörigkeit: einerseits zum deutschen Sprachraum und der deutschen Literatur, und andererseits zu einem geographischen Raum, der die besondere Entwicklung und auch Eigenständigkeit dieser Literatur geprägt hat.“ (S. 10) Olivia Spiridon geht in ihrer fundierten, wohl abgewogenen Einleitung von drei methodischen Ansätzen bei der Festlegung einer sog. Minderheitenliteratur aus. Sie verweist mit dem Blick auf die innovative Rolle der Prager deutschen Literatur auf das kreative Potential der sog. kleinen Literaturen, in denen der intensive Umgang mit „sprachlicher Armut“ durch dessen intensives „Vibrieren-Lassen“ des „ausgetrockneten Wortschatzes“ oft ein unerwartetes sprachliches und stilistisches Potenzial hervorgebracht werde. Solche Identitätskonstruktionen in einem Inselgebiet wie der deutschen Sprache in Südosteuropa und seit 1918 in Rumänien äußerten sich in einer hohen Priorität, die durch die besondere Sprachpflege entstanden sei. Dieser Prozess schlage sich „oft in stilistisch elaborierten Texten nieder.“ (S. 8) Um diesen Jahrhunderte andauernden Vorgang zu umreißen, gibt Spiridon einen kurzen Überblick über die sozio-politische Einbettung der regionalen Dialekte, die von den deutschsprachigen Siedlern seit dem 13. Jahrhundert (Siebenbürgen) und dem frühen 18. Jahrhundert (Banat) benutzt wurden. In einem dritten Schritt beschreibt sie den literarischen Kontext nach dem Zweiten Weltkrieg, indem sie zunächst vier Perioden unterscheidet, in denen die deutsche Umgangsprache unter unterschiedlichen repressiven Bedingungen existierte und die Literatursprache sich unter dem Druck der doktrinären Staatsideologie des Marxismus-Leninismus behaupten musste. 1945-1953 als Phase der Stalinisierung, 1953 bis Anfang der 1960er Jahre als kleine Liberalisierung, die 1960er Jahre als partielle Renaissance des bürgerlichen Realismus und als Beginn einer komplexen Experimentalisierung und die 1970er Jahre schließlich als eine Phase, in der sich der Einfluss westeuropäischer literarischer Strömungen wie auch die Verarbeitung neomarxistischer Ideen unter anderem auch in der Textproduktion der „Aktionsgruppe Banat“ niederschlug. Die Zurücknahme der kulturellen Liberalisierung durch das kommunistische Regime seit Mitte der 1970er Jahre, der sich verstärkende Einfluss der deutschsprachigen Minderheitenliteratur auf die rumänische Literatur, spätestens ausgelöst durch die Anthologie „Mäßiger bis starker Wind“ (1982, Hg. Peter Motzan) und die seit Mitte der 1980er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland einsetzende Anerkennung einzelner Prosawerke schufen auch die Voraussetzung für ein stärkeres Selbstbewusstsein der Autoren und forcierten die Autonomisierung des Kulturbetriebs im Banat, in Bukarest und in Siebenbürgen. Die Ergebnisse schlugen sich in zahlreichen Prosabänden nieder, die Olivia Spiridon eingehend kommentiert. Der trotz Publikationsverboten und eines ausgeklügelten Zensursystems sich dynamisierende Prozess fand aufgrund der freiwilligen Ausreise und der Zwangs-Emigration zahlreicher Autoren Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre ein vorläufiges Ende.
Dass dieser Kulturverdrängungsprozess parallel zur systematischen Unterwanderung und Bespitzelung einzelner Personen durch die Staatssicherheit ablief, gehört zu den schlimmen Begleiterscheinungen, unter denen die so innovative rumäniendeutsche Literatur noch über zwanzig Jahre nach dem Umbruch leidet. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Herta Müller, die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009, bedauerlicherweise in dieser Anthologie nicht vertreten. Ihre Ablehnung, so Spiridon, „wird im Zusammenhang mit der von älteren Konflikten zerfurchten literarischen Szene der Rumäniendeutschen besser verständlich. Sie ist aber auch im Kontext der aktuellen Auseinandersetzungen der deutschen Schriftsteller aus Rumänien zum Thema Schuld oder Mitschuld an der erlebten Repression zu verorten.“ (S. 33) Darüber hinaus fühle sie sich weder zur Banater Dorfgemeinschaft noch der konservativen deutschen Minderheit zugehörig, auch in ihrer Wahlheimat Berlin sei sie eine Fremde in einer entfremdeten Welt.
Der Herausgeberin dieser lobenswerten Anthologie ist dafür zu danken, dass sie sich kritisch und distanziert zu den skurrilen Mechanismen des überwachten Kulturbetriebs äußert, indem sie deren Aufklärung der Totalitarismusforschung überlässt und sich bemüht, die literarischen Qualitäten ihrer ausgewählten Texte in den Mittelpunkt zustellen. Deshalb legt sie auch ihre Auswahlkriterien offen: Repräsentativität der Autoren für die verschiedenen Entwicklungsphasen, thematische wie auch formal-stilistische Vielfalt wie auch der literarische Wert, keine Texte aus dem Kanon des sozialistischen Literaturverständnis, keine Erinnerungsbücher, Memoiren oder Werke aus der oral history. Diese klare Regelung findet auch in der angestrebten Rezeption ihrer mühevoll zusammengestellten Anthologie ihren Niederschlag. Sie möge einen substantiellen Beitrag zur Vermittlung von „überkreuzten Geschichten“ leisten, in denen alternative Geschichtsdeutungen zum Tragen kommen und „die Erkenntnis der Gültigkeit mehrerer Wirklichkeitsversionen“ sich abzeichne. Außerdem soll die Lektüre der meist in Auszügen abgedruckten Texte von 25 Autoren und einer (!) Autorin „zur Herausbildung eines Gespürs für Fremdheit, Differenz und Anderssein“, also zum interkulturellen Lernen, beitragen.
Bei der Umsetzung ihrer Präsentation bedient sie sich eines gängigen Verfahrens in literarischen Anthologien: ein biobibliografischer Vorspann mit dem Passbild des jeweiligen Autors und einem längeren Textauszug aus dem jeweils ausgewählten Werkt. Sicherlich ist dies ein abgesichertes Verfahren, die Phalanx der männlichen Vertreter der Minderheitenliteratur alphabetisch vorzustellen. Eine alternative Präsentation nach Generationen oder Sujets hätte das ohnehin aufwendige editorische Unternehmen überfordert.
Auf diese Weise wird ein Leser mit ganz unterschiedlichen Thematiken, Sujets und narrativen Verfahren konfrontiert. Mit einem Symbol beladenen Tiermärchen stellt sich Wolf von Aichelburg (1912-1994) vor; Hans Bergel (1925) erzählt von einer düsteren Gefängnisepisode aus seinem Roman „Tanz in Ketten“; Andreas Birkner (1911-1998) verwandelt physische Hässlichkeit in moralisch begründete Schönheit; Ingmar Brantsch (1940) berichtet von den Qualen einer Integration; der bereits in der Vorkriegszeit erfolgreich publizierende Oskar Walter Cisek (1897-1966) entführt seine Leser in „Vor den Toren“ in die dörfliche Welt Rumäniens; der durch seine Montagetechnik überzeugende Arnold Hauser (1929-1988) ist mit drei Erzählungen vertreten; Franz Heinz (1929), Literaturwissenschaftler und Prosaist wie auch Franz Hodjak (1944) widmen sich den komplexen interkulturellen Thematiken, indem sie ihre Protagonisten von Rumänien nach Deutschland auf die Reise schicken; Johann Lippet (1951), der vor allem die Dorfwelt im Banat in seinen Romanen und Poemen thematisiert, ist mit der ethnologisch verdichteten Erzählung „Der Totengräber“ vertreten, Gerhard Ortinau (1953) schafft in „Notdichter 1937“ dramaturgisch verdichtete Erzählsituationen; Carmen Elisabeth Puchianu (1956), Literaturwissenschaftlerin, Erzählerin und Lyrikerin beschreibt in ihrem Text „Die Falle“ aus einer auktorialer Position die vermutete Durchsuchung einer Pfarrerei; Georg Scherg (1917-2002), im berüchtigten Kronstädter Schriftsteller-Prozess zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, ist mit einem Auszug aus seinem Roman „Paraskiv, Paraskiv“ (1976) vertreten; Eginald Schlattner (1933), manipulierter Zeuge der Anklage in diesem Prozess, seit seinem ersten Roman „Der geköpfte Hahn“ ein erfolgreicher Romancier, bezeugt in „Das Klavier im Nebel“ die Rechtswillkür im Nachkriegs-Rumänien; der 1934 in Schäßburg geborene Dieter Schlesak, seit 1969 in Deutschland und Italien lebend, reflektiert in dem Fragment aus „Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens“ in der Form einer collagierten Erinnerung seine dem Erzähler entfremdete Heimat; Paul Schuster (1930-2004), engagierter Förderer der jungen Literatur, seit 1972 in West-Berlin wirkend, brilliert in dem Fragment aus seinem Roman „Huftritt“ mit einem Wechsel aus historisch-distanzierten und umgangssprachlichen Erzählweisen; Richard Wagner (1952), aus dessen umfangreichen Werk die Herausgeberin vier experimentell aufgeladene Kurzgeschichten aus den frühen 80er Jahren ausgewählt hat, zeichnet sich durch seine ironisch gebrochenen und sarkastisch angereicherten plots aus; Balthasar Waitz’ (1950) Dorfgeschichten aus den 1980er Jahren schaffen aufgrund des trockenen, schwarzen Humors der Protagonisten eine distanzierte Haltung gegenüber deren Herkunft. Auch die drei Erzähler Ludwig Schwarz (1925-1981), Walter Gottfried Seidner (1938) und Franz Storch (1927) erweisen sich als eigenwillige Zeugen einer literarischen Landschaft, in der auch der regionale Dialekt, wie bei Schwarz in dessen „De Kaule-Baschtl“, zu einem erzählerischen Kunstwerk geriert, dessen Mundart „wie ein Schutzschild gegen mögliche Eingriffe der Zensur“ (Spiridon) wirkte. Den alphabetischen Abschluss der Anthologie bilden Erwin Wittstock (1899-1962) und dessen Sohn Joachim Wittstock (1938), die beide ein umfangreiches erzählerisches Werk aufweisen, in dem der sprachliche Wandel der soziokulturellen Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen besonders auffällig ist.
Mit der auch ins Rumänische übersetzten Anthologie, in der das engagierte, atmosphärisch ausformulierte Vorwort von Romulus Rusan der Vielstimmigkeit der ausgewählten Texte ein gewisses Leitmotiv verleiht, hat Olivia Spiridon eine Ouvertüre für eine noch zu schreibende, umfassende Geschichte der sog. rumäniendeutschen Literatur des 20. Jahrhunderts geschaffen. Ihr Auftakt, mit einer einfühlsamen Einleitung und in einer - sicherlich noch nicht vollständig - kanonisierten Auswahl, in der möglicherweise noch weibliche Stimmen fehlen, sollte der bislang nur eingeschränkten Rezeption einer „Migrantenliteratur“ neue Impulse verleihen. Das collagierte Deckblatt der Hard-cover-Ausgabe, die in Zusammenarbeit mit dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen entstanden ist, signalisiert bereits diesen Wunsch: Es ist ein Auge, das inmitten einer Umbruchlandschaft, keineswegs in eine abgeschlossene literarisch gestaltete Landschaft schaut! Sondern vielmehr Aufbruch verheißt!

 

Tatjana Kuschtewskaja

Wolfgang Schlott – div. Zeitschriften

Tatjana Kuschtewskaja. Zu Tisch bei Genies. Neue kulinarische Streifzüge durch die russische Literatur. Aus dem Russischen von Steffi Lunau und Ilse Tschörtner. Mit Illustrationen von Janina Kuschtewskaja. Düsseldorf (Grupello) 2014, 224 S., 24,90 €, ISBN 978-3-89978-208-0.

Auf dem Buchumschlag sind vier weltweit bekannte russische Schriftsteller im Umkreis der Dichterin Marina Zwetajewa hinter einer reich gedeckten Tafel abgebildet: Nikolaj Gogol, Joseph Brodsky, Anton Tschechow und Lew Tolstoj. Ihre Blicke aber richten sich nicht auf das vor ihnen ausgebreitete Schwarzbrot, eine Schale, bedeckt mit exotisch zubereiteten Fischen, die landesübliche Wodkaflasche und die blumige Teetasse. Sie sind – mit Ausnahme des versonnen lächelnden Tschechow – nachdenklich auf einen Leser gerichtet, der so gerne an diesem Tisch sitzen würde, um all die Kostbarkeiten auszuprobieren, die Tatjana Kuschtewskaja ihnen versprochen hat: neue kulinarische Streifzüge …, ach ja, sie hat bereits mit „Die Poesie der russischen Küche“ aus dem Jahr 2003 eindrücklich bewiesen, wie vertraut sie mit den Essgewohnheiten ihrer Landsleute ist. Dieses Mal signalisiert sie bereits im Vorwort, dass sie, ausgehend von zahlreichen Passagen in Romanen und Erzählungen ihrer verehrten Schriftsteller, den kulinarischen Freuden „auf den Grund“ gehen wolle. Das heißt: nicht nur die in den literarischen Texten so sinnlich beschriebenen Speisen und Getränke zu einem Buch über und für Gourmets zusammenzutragen, sondern die Lieblingsrezepte der russischen Genies im Zusammenhang mit den Festmahlen, bei denen sie im Mittelpunkt standen, mit authentischer Hingabe aufzulisten. Wesentliche Anregungen für dieses Vorhaben hat ihr im Jahr 2000 verstorbener Dozent für Literaturgeschichte an der Moskauer Filmhochschule, William Pochljobkin, geliefert. Ihm hat sie dieses so kenntnisreiche und eindrucksvolle Buch gewidmet. Es ist sowohl eine kulinarische Pilgerreise zu den ehemaligen Wohnstätten berühmter Schriftsteller und Dichter wie Alexander Puschkin in Boldino oder zu Lew Tolstojs Landgut Jasnaja Poljana als auch eine genaue Beschreibung der Leibspeisen, die den literarischen Genies besonders mundeten. Das alles garniert die Autorin mit Anekdoten über die Vorlieben der Gourmets, die in ihren Romanen so manche köstliche Speise zum Gegenstand ausschweifender Festgelage machten, wie zum Beispiel Russlands bekanntester Fabeldichter Iwan Krylow (1769-1844), dessen Lieblingsspeise Spanferkel mit Buchweizengrütze war, aber bei weitem nicht nur. Lesen Sie nach, wie aus dem Gourmet im Laufe eines Empfangs im Hause von Alexander Turgenjew ein Gourmant wurde. Oder der Ukrainer Nikolaj Gogol, in dessen weltberühmten Roman „Die toten Seelen“ der alte Geizhals Pljuschkin sich eine Zwieback-Pirogge servieren lässt, deren Rezept Tatjana Kuschtewskaja ebenso aufgeschrieben hat wie die Bestandteile des einst berühmten Rum-Punsches mit der Bezeichnung „Gogol-Mogol“.
Doch die Autorin schwelgt nicht nur bei der Beschreibung von erlesenen Speisen und feurigen Getränken in den russischen Oberschicht-Milieus, sie begibt sich auch mit Fjodor Dostojewskij in die düsteren Wohnungen der Sankt-Petersburger Unterschichten, wo es nur die einfache Schtschi-Suppe, Saikas zu Tee oder Piroggen gab. Doch der Autor selbst bevorzugte gebratenen Fisch, Rinderschnitzel, Pastila oder Apfelzephir mit Schlagsahne oder Baiser zum Nachtisch. Wer im Mittelteil des literarischen Koch- und Backbuchs angekommen ist, der wird einen kaum merklichen Unterschied in den Lieblingsspeisen der Schriftsteller verspüren. Die nach 1917 Emigrierten, wie Maxim Gorkij (zwischen 1921 und 1927), Iwan Bunin (nach 1920), Vladimir Nabokov (1917) und viele andere genossen ihre kulinarischen Freiheiten und bevorzugten, wenn wir den beschriebenen Speiseplänen trauen, ihre köstlichen, ach so kalorienreichen russischen Gerichte, die natürlich auch tatarischen, usbekischen oder ukrainischen Ursprungs waren. Andere hingegen, wie der 1899 in Woronesch geborene Andrej Platonow, der im „Paradies der Werktätigen“ blieb, dessen entbehrungsreiches Leben die Autorin zum Anlass nimmt, über die Hungersnöte und den Niedergang der russischen Küche nach 1917 zu schreiben, sehnten sich umso mehr nach solchen Speisen wie Borschtsch mit Sauerkraut und Rindfleisch oder Kalbskopf mit Backpflaumensauce – Köstlichkeiten, die noch in den 50er oder 60er Jahren kaum in russischen Küchen aus Mangel an Zutaten landeten . Ein anderer hingegen, der regimetreue Michail Scholochow, prasste in seiner Kosaken-Staniza Wjoschenskaja zu Beginn der dreißiger Jahre, als Millionen ukrainischer Bauern ringsherum verhungerten, weil der Kremlberg-Tyrann Stalin die Getreidetransporte mit Militärgewalt stoppen ließ.
In vielen Passagen des spannend und lebendig erzählten literarischen Kochbuchs spürt der Leser die Kontraste zwischen den kulinarischen Wunschträumen und der Küchen-Realität der Sowjetära, ohne sie benennen zu können. Ein Beispiel dazu. In dem schmalen Kapitel über die Essgewohnheiten des Nobelpreisträgers und Dissident Alexander Solschenitzyn, der lange Jahre im Straflager- System Archipel Gulag verbrachte, beginnt die Autorin mit einem Erlebnis, was sie als heimliche Leserin des „Archipel Gulag“ hat. Dann spürt Tatjana Kuschtewskaja den Essgewohnheiten von Alexander Issajewitsch in dessen letzten dreizehn Lebensjahren nach, wobei sie eine Reihe von nachahmenswerten Rezepten (wie usbekischer Plow mit Hammelfleisch) erwähnt, aber den Kontrast zu den Hungerrationen des einstigen Anklägers des Sowjetsystems im Lager nicht erwähnt. Doch ist ein solcher Anspruch in einem kulinarischen Buch über russische literarische Genies wünschenswert? Schließlich geht es nicht nur um Genies russischer Herkunft, sondern wie die wunderbar einfühlsame Studie über den kirgisischen Romancier Tschingis Aitmatow beweist, auch um die gegenseitige Akzeptanz unterschiedlicher Kulturen. „Dank Aitmatow verliebte ich mich in die kirgisischen Mythen und Legenden, später in die kirgisische Kultur und in die kirgisische Küche“, sagt Tatjana mit dem Blick auf das Jahrhundertwerk von Aitmatow „Ein Tag länger als das Leben“, in dem die Mankurts eine schreckliche Symbolisierung für den Verlust von Erinnerung darstellen. Ein weiteres Beispiel betrifft das Schicksal von Joseph Brodsky, der 1972 Russland verlassen musste, weil er in dem repressiven Sowjetsystem zu ersticken drohte, und seine Sehnsucht nach der russischen Küche in den USA mit köstlichen Speisen stillte, die alle mit Rüben zubereitet werden. Tatjana hat sie einst während eines Aufenthalts in der Nähe der nordrussischen Stadt Wologda ausprobiert, als sie das Drehbuch für die Fernsehdokumentation „Operation Jug“ schrieb.
Zwei geniale Jungsporne der russischen Gegenwartsliteratur bilden den krönenden Schluss: Wladimir Sorokin (Jg. 1955) und Viktor Pelewin (Jg. 1962). In ihren Essgewohnheiten könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Der eine ein Gourmet, der auch schon mal bei seinen häufigen Deutschland-Besuchen in der Delikatessenabteilung des KaDeWe gesehen wurde, der andere offensichtlich ein Genießer von japanischen Tofu-Gerichten und exotischen Salaten, munkelt man. Auch die Autorin hatte noch nicht das Vergnügen, gemeinsam mit Pelewin die japanische Delikatesse Fugu in einem Spezialitäten-Restaurant auszuprobieren. Und womit erfreut sich Tatjana? Als Kennerin des sibirischen Raumes bevorzugt sie Tuwinischen Rinderschmorbraten und Braunbärfleisch auf sibirische Art. Na denn mal: Prijatnogo appetita!

 

Ilse Hehn

Wolfgang Schlott – div. Literaturblätter, Spiegelungen

Ilse Hehn. Tage Ost-West. Gedichte und Überschreibungen. Ludwigsburg (Pop-Verlag) 2015, 107 S., 17,80 €. ISBN 978-3-86356-104-8.

1.Cover

Wer Bilder mit Texten überschreibt, sie mit grafischen Signalen und malerischen wie auch Collage-Feldern versieht, wer bereits im Titel des vorliegenden Gedichtbandes signalisiert, dass seine „Tage Ost – West“ gleitend ineinander fließen, der geht mit seinen poetischen Visionen nicht auf Reisen, für den sind die Bilder stets an Ort und Stelle in sich gebrochen. Und aus diesen Splittern formen sich andere Visionen, in denen die geografischen Topoi nur Versatzstücke bilden. Dieses poetologische Verfahren setzt die Autorin in mehrfacher Hinsicht ein. In dem in drei große Abschnitte aufgeteilten Band operiert sie mit Zitaten, literarischen Subtexten und der formalen Benennung von Orten und Gemälden, spielt sie mit der Dynamik von Worten und Zahlen und bewirkt auf diese Weise eine Interferenz von Schrift und Wort wie auch von Farbe und Raum. Doch damit nicht genug: Gemeinsam mit den rhetorischen Verfahren, die den vorgelegten poetischen Texten einen anziehenden und zugleich sperrigen Reiz verleihen, entsteht damit für Leser und Betrachter eine besondere Herausforderung. Sie geraten in die Versuchung, Wortgebilde getrennt von kunstvollen Abbildungen wahrzunehmen, mehr noch: sie klammern sich an die Nennung von Orten und Ländern und leiten davon den Begriff ‚Reiseliteratur‘ ab. Sicherlich ist die Autorin gereist, zweifellos ist die aus dem rumänischen Banat stammende Dichterin in verschiedenen europäischen Ländern und in Ägypten gewesen, unbestritten gibt es Passagen, in denen sie fremdsprachliche Termini benutzt, um ihre kulturelle und sprachliche Vertrautheit mit den jeweiligen Landschaften zu signalisieren. Doch die komplexe Verarbeitung ihrer Eindrücke erzeugt eine in sich gebrochene Wahrnehmung von Welt, die sie mit mehrfachen Zitaten aus T.S. Eliots „Waste Land“ belegt. Diese Welt sei, so T.S. Eliot, ein Haufen zerbrochener Bilder, in der selbst der tote Baum kein Obdach mehr bilde. Unter Verweis auf diese Vision streift sie jegliche Idylle wie lästige Gedanken ab, bemüht sich um diskursiv aufgeladene visuelle Eindrücke, die sie in Texten verarbeitet. Sie sind in unterschiedliche Rhythmen gestaltet und bedienen sich eigenwilliger poetischer Metaphern.
In dem ersten thematischen Abschnitt ‚DIE HEIMAT, DIE ZUNGE‘ ist ein gleichnamiges Gedicht dem Mitbegründer der Aktionsgruppe Banat, Werner Kremm, gewidmet. Er lebt und arbeitet als einziger der aus diesem Kreis stammenden Intellektuellen weiterhin als Journalist in Rumänien. Kennzeichnend für den mit sarkastischen und ironisch gebrochenen Aussagen verdichteten Text ist das fehlende poetische Ich, das durch ein „Ach, du lieber Augustin“, nach dem Canetti-Zitat „Heimat, gerettete Zunge …“, zu Beginn des Gedichts ersetzt wird. Die dem Zirkuskasperl-Motiv folgende Zeile: „Alles ist hin“ fehlt und wird durch die Aussage „die Kunst am Rande / des Nichts zu leben als sei alles in Ordnung.“ (S. 25) ergänzt. Und die Nennung des Ortes, in dem sich die folgenden Visionen verdichten? Temeswar oder eine andere rumänische Stadt oder „ein Ort jenseits der Wand“ ? Auf jeden Fall ein Ort, an dem sich ein undurchsichtiger gesellschaftlicher Wandel abzeichnet, wo der „demokratische(n) Schlamm / … sich langsam über das Roma-Gold (schiebt)“, wo „die Pampa … an den Westen (verloren)“ geht. Sind solche gebrochenen Wortbilder die typischen Reisebilder, in denen Gedichte-Leser (gibt es die noch?) ihre lackierten Urlaubserinnerungen wiederfinden?
Auch „Am Rande von Kairo“ - in dem mit der Losung ‚ZIEH LEINE, POESIE‘ beginnenden zweiten Abschnitt - sind die poetisch aufgeladenen Bilder nichts als „zerkratzte Traumschlacke im/ Gelächter der Sprache“ (S. 37). Beabsichtigt die Autorin etwa ihren Lesern/ Hörern mit solchen Gegenbildern den Spaß am Reisen und der Lust am Schauen zu nehmen? Auf keinen Fall! Vielmehr kratzt sie am Lack der Oberflächen, öffnet den Blick auf die düstere politische Gegenwart, gräbt sich in die Untiefen der Geschichte, verbindet die historischen Linien mit den noch vorhandenen Spuren. So wie in der NEKROPOLE im ägyptischen Benni Hassan, einer Anlage mit vielen Felsengräbern, wo die Namenlosen „auf Papierfetzen kodifiziert (sind)“. Oder die FAHRT NACH ABU SIMBEL mit bewaffnetem Geleit, dem Ort in Nubien, wo der bekannte Tempel des Ramses II. stehen geblieben ist, wo die Angst vor einem terroristischen Überfall ständig präsent ist? Oder die Nahaufnahmen vom ÄGYPTISCHEN FRÜHLING, wo „ein Volk aus dem Schweigen gehoben“ wird, und der Westen zuschaut und „sagt ein Frühling ist ein Frühling ist ein Frühling.“ (S. 46)
Noch eine bittere Kostprobe? Bitte sehr! „IM WINTER MOSKAU“ und kursiv „In memoriam Marc Chagall“. Ein auf den ersten Blick leicht zu dekodierender Text. Roter Platz, Basilius-Kathedrale, Spasskij-Turm – ja, das sind die Merkzeichen der anheimelnden touristischen Erinnerungen an Moskau. Noch etwas mehr? Kathedrale, Ikone, aha, sie steht jetzt vor einem Ikonostas, der Bilderwand mit den vielen Heiligen, auf unterschiedlichen Höhen platziert. Jetzt noch eine dunkel vibrierende Stimme eines Popen? Nein, ihr poetisierter Blick flüchtet urplötzlich in die Bilder von Marc Chagall, in die „sanften Augen der Pferde“ (S. 67), an einen Ort, dort in Witebsk, „wo der Samowar als vollendete Sonne“ (leuchtet). Hmm, da fehlt leider der bittere Verweis darauf, dass der arme Chagall von den Kommissaren der roten Wahrheit vertrieben wurde und von Witebsk aus im Spätherbst 1941 die verbliebenen Juden von den SS-Schergen in die Gaskammern deportiert wurden. Oder ist es das grenzenlose Gefühl der Dichterin, die durch den Chagallschen Bildraum fliegen und alles vergessen will?
Besonders hervorzuheben sind die Gedichte „AMNESIE DER SCHRIFT“ und „SCHRIFT“, mit den Zusätzen Interferenzen versehen, wie auch „VÀRVINTER“ und „AUS DER VERTÄUUNG“, mit den Zusätzen Palimpseste (vgl. S. 93ff.). Sie korrespondieren mit den jeweils auf der Seite gegenüber abgedruckten Bildmontagen, übermalter Malerei und übermalter bzw. überschriebener Fotografie. In diesen Bild-Texten vibriert das Wechselverhältnis von Schrift und Sprache, von taktilen, auditiven und visuellen Schichten solange, bis die Überschreibungen in den Bildräumen eine neue Lautschrift signalisieren. Sie gräbt sich in diese Bilder ein und verleiht ihnen eine in den deutschsprachigen Poesielandschaften ungewöhnliche Aussagekraft. Und sie könnte lauten: Reise in die tieferen Schriften anderer Kulturen, grabe deren Subtrakte aus und beginne einen Dialog, in welchem du deine Vielstimmigkeit nicht in der Erinnerung an lackierte Fotos verschwendest, sondern sie als ständige Herausforderung in dir spürst.

 

František Šedivý

Wolfgang Schlott

František Šedivý. Uran für die Sowjetunion. Mit einer Einführung von František Bártík. Leipzig (Evangelische Verlagsanstalt) 2015, 229 S., 9,90 €. ISBN 978-3-374-04033-9. (Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten Stasi-Unterlagen, Bd. 15).

Hinter dem lapidaren Titel des autobiographisch verbürgten Berichts des tschechischen Schriftstellers und Bürgerrechtlers František Šedivý (Jg. 1927) verbirgt sich eines der schrecklichsten Kapitel der böhmischen Nachkriegsgeschichte: die Produktion von Uranerz für die nach 1945 in der Sowjetunion einsetzende Herstellung von Atombomben. Dr. Nancy Aris von der sächsischen Behörde für die Verwaltung der Stasi-Unterlagen verweist in ihrem Vorwort daraufhin, dass der Abbau des Urans unter menschenunwürdigen, brutalen Bedingungen erfolgte und eine gemeinsame, bislang kaum bekannte sächsisch-tschechische Leidensgeschichte auf dem Gebiet des Erzgebirges darstelle. In ihr widerspiegelten sich die Praktiken zweier menschenmörderischen Diktaturen, der eben militärisch beendeten Naziherrschaft und der beginnenden Sowjetdiktatur in der Besatzungszone zwischen 1945 und 1949 wie auch in der 1949 etablierten DDR. Beide Diktaturen markierten und hinterließen ihre blutigen Spuren: mit der Übernahme von KZ-Lagerpraktiken als auch mit den menschenverschleißenden Methoden des in der Sowjetunion etablierten und nach 1945 in tschechoslowakischen Gefängnissen und Arbeitslagern übernommenen GULAG-Verfahrensweisen. Durch dieses System von 18 Zwangsarbeitslagern auf dem tschechoslowakischen Territorium wurden im Zeitraum zwischen 1945 und 1964 zehntausende überwiegend politische Häftlinge geschleust, mit vielen aufgrund von Mangelernährung, Arbeitsunfällen in den unzureichend abgesicherten Bergstollen, gescheiterten Fluchten und Folterungen verursachten Todesfällen.
In seinem ausführlichen Überblick über die Geschichte des Uranabbaus und die Uran-Lager in Böhmen verweist der Zeithistoriker František Bártík einleitend auf die notwendige transnationale Darstellung des Uranabbaus. Er wurde von der Sowjetunion nach 1945 auf beiden staatlichen Territorien forciert vorangetrieben und erfolgte auf tschechischer Seite zwischen 1945 und 1950 vor allem unter Einsatz deutscher Kriegsgefangenen wie auch so genannter Retributionsgefangener (nach 1945 als Kollaborateure des Naziregimes verurteilt). In dem Zeitraum zwischen 1945 und 1989 wurden in den Bergwerken im Joachimsthaler Gebiet (Jachýmov) mehr als 3000 Tonnen Uran unter unterschiedlichen technischen Bedingungen, aber immer zu Lasten der bis in die 1960er Jahre zwangsweise rekrutierten Arbeitskräfte, die für extrem gesundheitsschädliche Zwangsarbeit bis in die 1950er Jahre eine sehr geringe Entlohnung erhielten. Bártík klassifiziert die einzelnen Phasen des Arbeitslagersystems von dem NS-Kriegsgefangenenlager (1940-1945) bis zu dem so genannten Uran-Besserungs-Arbeitslager (1949-1953), beschreibt minutiös die Lebensumstände der Zwangsarbeiter, unter denen viele, die aufgrund politischer Motive verurteilt waren, und verweist auf die 511 Personen, die beim Uranabbau für die Sowjetunion infolge von Arbeitsunfällen, Krankheiten und Suizid ums Leben kamen. Der analytische und beschreibende Charakter seiner Ausführungen ermöglicht nicht zuletzt die Einordnung des autobiografischen Leidensberichts des Häftlings Pavel, ein Name, den der Autor Šedivý benutzt, um gleichsam eine gewisse psychische Distanz zu seinem Ich herzustellen. Sie bildet eine Schutzfunktion, die diesen erschütternden autobiografischen Bericht in vieler Hinsicht für den Leser transparenter erscheinen lässt. Es handelt sich um einen beinahe zwölfjährigen Zwangsaufenthalt, den Frantisek unter unmenschlichen Bedingungen zwischen 1952 und 1964 in Untersuchungsgefängnissen, im ostmährischen Gefängnis Mirov und als Zwangsarbeiter in verschiedenen Uranerzgruben im Jachýmov-Gebiet verbrachte. Der Ausgangspunkt: eine Gruppe junger tschechischer Studenten, die Widerstand zwischen 1948 und 1952 leistet gegen die kommunistische Herrschaft, wird verraten, es folgen erpresste Geständnisse und die Verurteilung zu langjährigen Haftstrafen. Pavel wird zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren verurteilt. Was er in diesen Jahren an Schikanen, körperlichen Strafen, Entbehrungen, Erniedrigungen durch das Wachpersonal erlebt, gehört in der vorliegenden Aufzeichnung zu den anschaulichsten Dokumenten der tschechoslowakischen Gefängnisgeschichte. Šedivýs nüchterner Bericht, aus einer gewissen zeitlichen Distanz geschrieben, zeichnet sich durch die genaue Beschreibung der Untersuchungsmethoden der Staatssicherheit, der Zustände in den verwahrlosten Gefängnissen, der Mangelkost für die Gefangenen und der brutalen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft aus. Seine durch Sachberichte angereicherten Beobachtungen der Arbeitsbedingungen beim Abbau des Uranerzes bilden eine anschauliche Bereicherung der Darlegung des Historikers Bártík, der im heutigen Museum Vojna als Direktor arbeitet. Zahlreiche im Text abgedruckte Fotodokumente vermitteln dem Leser sicherlich nur distanzierte Eindrücke von dieser Hölle und dem Fegefeuer, wie Šedivý die Lebensbedingungen in den Lagern charakterisiert. Dennoch erlauben sie einfühlsame Einblicke in die Reste einer einstigen Horrorwelt. Als Pavel nach einem Antrag auf Haftverkürzung im Jahre 1964 freigelassen wird, erwartet ihn weder seine Mutter (die zwei Jahre vorher an Krebs gestorben war; an deren Beerdigung er nicht teilnehmen durfte) noch nähere Verwandte. Er musste nun sein Leben völlig neu gestalten. Erst nach 1989 konnte František Šedivý die Veröffentlichung seiner Leidensgeschichte in die Wege leiten. Dass nunmehr die deutsche Ausgabe seines autobiografischen Berichts erscheint, verdankt er den Bemühungen des Sächsischen Beauftragten für die Stasi-Unterlagen Lutz Rathenow, seiner Stellvertreterin Nancy Aris, Andreas Schönfelder von der Umweltbibliothek Großhennersdorf und natürlich der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, die in ihrer Schriftenreihe sich besonders um die Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft nach 1945 bemüht.

 

Ursula Teicher-Maier

Wolfgang Schlott – für „Matrix“, „Bawülon“

Ursula Teicher-Maier. Kühe und Locken drehen. Ludwigsburg (Pop-Verlag) 2015. 136 S., 14,50 €. ISBN 978-3-86356-106-2

Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen, sagt Markt Twain auf der Seite 6. Und spätestens hier, bevor die Miniprosa-Stücke beginnen, ist der/die Leser/in verblüfft. Geschichten entstehen im Auge. Na, das kann ja heiter werden. Und schon geht es los. Mann und Frau, die in einem Bett liegen, das aus einem Roman ist. Und was will die Frau? Mehr lachen. Und auf der Bettkante? Da sitzt eine Katze. Die kann nicht lachen, sagt der Mann. Die braucht Sprechwerkzeuge, um zu lachen, sagt der Mann. Falsch geraten, sagt nicht die Frau. Denn die Katze schnurrt, also lacht sie. Und Mann und Frau schnurren den ganzen Abend, die Katze versucht zu lachen.

Wer an dieser Stelle noch rätselt, der stürzt sich sofort in den nächsten Text: die Fete. Frau und Mann wollen sich vergnügen. Fete heißt Fest, sagt der prinzipienfeste Mann. Sie sagt danser, er sagt tanzen und begibt sich aufs Klo. Denn tanzen ist denken im kleineren Raum, brummelt der Mann. Doch das Badezimmer dehnt sich aus. Und das Klopapier verwandelt sich in eine Fahne der Unendlichkeit. Und die Frau?

Noch eine Mini-Seance über Mann und Frau? Aber ja. Das Netz ist, wenn es nicht gehackt wird, ein wunderbares elektronisches, naja, wir wissen es schon. Und für die Frau? Das Netz ist nichts für kleine Fische, sagt der Mann, der in einem Buch liest. Und wie geht das Duell um das höhere Wissen aus? Falsch gefragt! Der Mann sucht nach Ziesel, Wiesel, Dusel und Muh im Buch, die Frau hat ihr Notebook zugemacht. Man müsse nicht alles wissen, sagt sie.

Und jetzt erwarten Sie von dem Rezensenten, dass er klugschwätzt. Der sitzt aber längst selbst auf der Couch. Schaut zu, wie der Mann einen Hammer und einen Nagel an ihm vorbeiträgt, um ein Bild an der Wand zu befestigen. Und die Frau? Die hat die Beine auf die Couch gelegt, die Augen geschlossen. Und der Mann? Der verlässt auf Zehenspitzen mit einem Blick auf die Frau das Zimmer. Und der Rezensent? Er begibt sich mit der Frau auf Zehenspitzen ins Bild.

Höchste Zeit über das Verhältnis der alltäglichen toten und lebendigen Gegenstände zu ihren Benutzern zu reden. Da klingelt das Handy des Mannes und die Katze hält ihr Ohr an das Gerät. Und sie weiß wie der Mann, dass die Stimme der Frau wie ein Stein klingt. Komisch oder? Und zu Weihnachten gehen Frau und Mann mit ihren Engeln ins Bett. Sie wissen, dass die Engel ihnen schweigend Antworten geben, auf Fragen, die sie ihnen nicht gestellt haben.

Glücklicherweise drehen jetzt Kühe die Locken oder auch umgekehrt. Wir sind in der Mitte des Bandes angekommen. Der Mann ist verschwunden, und die Frau bewältigt alleine das Leben. Zumindest solange, wie die Kühe ihre Locken drehen und solange die Frau im Süden mit der Frau im Norden redet. Und was macht die Frau? Sie denkt zwischen zwei Löwenköpfen; sie sammelt Rosenblätter auf, legt sie in einen Korb, der atmet, weil er eine Arche geworden ist, in der die Zeit Wellen schlägt; sie atmet ein und aus, während sie in dem kleinen Prinzen liest und der Staub im Bücherregal und im Zimmer sich ausbreitet, solange, bis die Frau den kleinen Prinzen einatmet.

Wenn das so weiter geht, fragt sich der besorgte Leser, dann … Doch der Mann kommt wieder und die Stille zwischen den Tönen setzt ein, weil die Katze im Schallloch der Gitarre des Mannes etwas gehört hat. Was ist das nur für eine abstruse Alltagslogik, in der die Müdigkeit sich auf den Tisch legt, Füße sich in Seismographen verwandeln, Ameisen die Gestalt von Soldaten annehmen? Wenn selbst unschuldige Kinder davon betroffen sind, dann ist es höchste Zeit einzugreifen. Ratschläge kann uns, wie die Autorin versichert, der der Schweizer Aphoristiker Bachnonga geben. Die erste Kindheit sei verzwiebelt, die zweite versteinert, sagt der und sofort begreift auch der Rezensent die wundervolle Welt der Kinder. Dort fällt nicht nur die Sonne ins Meer sondern auch in die Augen der lieben Kleinen, und die Prinzessin mit der Gänseblümchenkrone erstarrt um Mitternacht und hört auf zu schielen. Genug mit solchen Albernheiten, sagte sich die Autorin und widmet ihr Finale den großen kosmischen Prozessen und der Politik, wie zum Beispiel dem Gespräch über die Europadecke, das mit der folgerichtigen Behauptung einsetzt, dass Europa mit und ohne Stier zu denken sei, weil die Europadecke viele Falten hat und niemand unter die Decke schaut. Und: alles wird wieder logisch sein, wenn die zwölf singenden Mönche in der Klausur den Himmel in ihren Kehlen wieder entdecken könnten.

Und was fällt dem Rezensenten nach der Lektüre dieser köstlichen Miniaturen ein? Vergleicht er sie mit den albernen, kunstvoll präparierten Szenerien eines Loriots, der auf der Couch sitzend die komischen Phänomene des Alltags mimisch, gestisch und epigrammhaft zu erfassen versucht? Ursula Teicher-Maier überschreitet mit ihren – allerdings nicht immer – pointierten Schlussfolgerungen die Grenzen der rätselhaften Alltagserfahrungen, indem sie die Dinge den Wahrnehmungen der handelnden Personen entzieht und sie gleichzeitig aus den Sphären des Unbewussten zurückholt, ohne beim Leser/Hörer ein befreiendes Aha auszulösen. Stattdessen setzt ein zögerndes Lachen ein, das sich nach mehr solcher auf den wackelnden Punkt gebrachten Geschichten sehnt.

 

Artur Becker

Wolfgang Schlott. Ostragehege – Axel Helbig

Artur Becker: Kosmopolen. Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause. Essays. Frankfurt (Weissbooks) 2016, 446 S., 36.- Euro, ISBN 978-3-86337-105-0

In den Überschriften der rund fünfzig Essays, die der 1968 im masurischen Bartoszyce geborene und seit 1985 im niedersächsischen Verden lebende Artur Becker in verschiedenen überregionalen Zeitungen veröffentlicht hat, taucht der Begriff ‚Kosmopolen‘ nur einmal auf: „Das Fahrtenbuch eines Kosmopolen aus Hausach“. Dort bescheinigt der Essayist dem 1961 im Schwarzwald geborenen Jose F.A. Oliver, dessen Eltern aus Andalusien stammen, er sei ein Musterkosmopole, einer, der keine Schwierigkeiten habe, „fremde Kulturräume zu beschreiben, zu betreten und zu bestaunen.“ (S. 246) Und Artur Becker, ein Romancier, Dichter und Feuilletonist, der sich nach über zwanzig Jahren in der literarischen Öffentlichkeit Deutschlands und Polens eine hohe Anerkennung verschafft hat? Er erweitert das Begriffsfeld ‚Kosmopole‘, eine Schöpfung des polnischen Exil-Schriftstellers Andrzej Bobkowski. Statt an der in der polnischen Literaturwissenschaft gängigen Vorstellung vom tragischen Schicksal des in der Fremde dahinvegetierenden Intellektuellen festzuhalten, renoviert er den bis zu Beginn der 1990er Jahre gängigen Begriff. Nicht nur die im Exil weltberühmt gewordenen Schriftsteller Czesław Miłość, Gustaw Herling-Grudziński oder Witold Gombrowicz könnten diesen ehrenvollen Titel tragen, so Becker, sondern auch alle im europäischen transkulturellen Raum schaffenden Literaten. Darunter auch zahlreiche deutsche Schriftsteller/innen, die in ihren Büchern sowieso auf der Suche nach einem neuen Zuhause seien.
Zu einem neuen Zuhause unterwegs war auch Artur Becker im Frühjahr 1985, immer in steter Erinnerung an seine literarischen Vorbilder: Zbigniew Herbert, Joseph Conrad, Czesław Miłosz und viele andere, die schon in seiner Jugend im masurischen Städtchen Bartoszyce zu seinen Leitfiguren wurden. Deshalb steht auch das zweite Kapitel seiner Essaysammlung unter dem Stichwort „Im Geistland“. Es enthält die geistigen Orientierungslinien, in denen sich die Grundzüge eines Weltbildes abzeichnen, das eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher religiöser und philosophischer Vorstellungen, lebenspragmatischer Einstellungen und privater Bekenntnisse mit öffentlicher Relevanz enthält. Sie zeichnen sich bereits im Vorspann zu diesem Kapitel ab: „Im Zug durch Deutschland“. In diesem Zug sei ihm 1985 bewusst geworden, dass er ein Kind Europas ist. Und während er durch die damalige DDR fuhr, auf dem Weg zu seinen Eltern in Verden, die bereits seit einem Jahr dort wohnten, wanderten seine Gedanken ständig zwischen Polen und Deutschland hin und her. Auf diese Weise schufen sie, auch mithilfe später gewonnener Einsichten und Erkenntnisse, die Umrisse des mythischen Lands ‚Kosmopolen‘. Dort träfe man, so Becker, nicht nur die heimatlosen Dichter und Philosophen, auch die Naiven und Ahnungslosen, „die meinen, ihre ethische Aufrichtigkeit werde sie vor jeder denkbaren Gefahr beschützen.“. Und leider begegne man dort auch Kreaturen, die für sich „keinen Platz in der Welt finden können, obwohl sie intuitiv spüren, dass es irgendwo einen heilenden Heimatort für ihre verzweifelten Seelen geben muss.“ (S. 25)
Dass dieses Kosmopolen auch ein gefährliches Land sei, wo man sich vor der Welt verstecken könne, habe er in seinem idyllischen Geburtsort Bartoszyce, an den masurischen Seen noch nicht verspürt. Erst als er später die Botschaft von Stanislaw Vincenz (1888- 1971), einem nach 1945 im deutschen und französischen Exil wirkenden polnischen Schriftsteller und Philosophen, begriffen habe, sei ihm klar geworden, dass sein Herz in Polen, sein Intellekt in Europa und sein Körper der Mutter Erde gehöre. So ausgestattet mit einer weltlichen und mythischen Trinität musste er sich nach seiner Emigration in mehrfacher Hinsicht im kapitalistischem Westen freischwimmen: in der deutschen Sprache, in seinen ersten Gedichten, die er sich anfänglich noch aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzen ließ, in der vielschichtigen deutschen Sprachphilosophie und in der literarischen Öffentlichkeit, die er mit seinem Roman „Der Dadajsee“ betrat und in dem er seine zukünftigen Topoi entdeckte. Zwischen dem polnischen mythischen Brachland mit katholischen und sozialistischen Idyllen, seinen vielschichtigen familiären polnisch-deutschen Verbindungen und der Entdeckung der deutschen Kulturlandschaft wartete eine radikale Aufgabe auf ihn, die er nicht nur in den Orten am polnischen-deutschen Kreuzweg zu bewältigen hatte. Auch auf anderen europäischen Schauplätzen, wo er sein schriftstellerisches und poetisches Handwerk erlernte, sammelte er Erfahrungen, die den Kern seines reiferen Schaffens bildeten.
Ergebnis dieser komprimierten poetologischen Erkenntnisse sind die Essays aus den Abschnitten IV und V, die dem Schaffen seiner dichterischen Vorbilder und Zeitgenossen wie deren literaturphilosophischen Einsichten gewidmet sind. Dabei fällt auf, dass er nicht nur seinen vielen osteuropäischen Vorbildern, sondern auch jenen in Westeuropa und den USA lebenden Philosophen und Dichtern huldigt, deren Werke auch sein dialektisch geschultes kosmopolnisches Weltbild bereichert haben. Besonders zu erwähnen sind hier die seit Jahrzehnten in Paris und Neapel wirkenden polnischen Exilschriftsteller Jerzy Giedroyc (1906-2000) und Gustav Herling-Grudziński (1919-2000), deren flexible bzw. unnachgiebige Haltung gegenüber den kommunistischen Machthabern Becker als Anschauungsunterricht für die Bewertung der polnischen Nach-Wende-Politik und als Lehrstück für seinen persönlichen Umgang mit erlebter Geschichte dient. In solchen Essays wie „Im Zug durch Polen“ und „Von der Spaltung der Polen“ offenbart nicht nur der Essayist seine politische Flexibilität im Umgang mit Geschichte, sie fließt auch in sein belletristisches Schaffen ein, in dem seine Figuren nicht nur unter der schicksalhaften und tragischen Geschichte leiden, sondern auch deren komische und groteske Wesensmerkmale mit polnischer Gelassenheit ertragen. Davon zeugen nicht nur seine Romane, in denen sich immer mehr eine barocke Fabulierlust abzeichnet. Doch damit nicht genug. Seine Essays beschreiben – unter Absicherung von Zeugenaussagen seiner Verwandtschaft - auch die realen Abläufe der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Sie sensibilisieren damit seine Leser auch für die aktuellen Diskussionen in Deutschland um die Flüchtlinge aus dem Vorderen Orient oder um den drohenden Zerfall der EU. Ist Artur Becker mit den feuilletonistischen Betrachtungen eines Zeitgenossen nun Zuhause angelangt? Im Gespräch mit Axel Helbig, Redakteur der Kunst- und Literaturzeitschrift „Ostragehege“, bezeichnet er sich als einen auf polnischen Fundamenten gereiften Dichter, der in Deutschland sein intellektuelles Rüstzeug erwarb, um nach dem Vorbild von Czesław Miłosz, der an der polnisch-litauischen Grenze aufwuchs, seinen Weg in das kosmopolnische Europa zu gehen. Dass er sein schriftstellerisches Zuhause im norddeutschen Verden fand, ist ein Glücksfall nicht nur für die deutsche literarische Öffentlichkeit sondern auch für die polnisch-deutsche Beziehungsgeschichte nach 1990 geworden. Seine offenmündigen und offenherzigen Reflexionen über eine leidvolle und oft missverstandene Geschichte der „Wiedergutmachung“ spiegeln sich in vielen seiner Essays wider. Sie sind vor allem jenen Lesern zu empfehlen sind, die sich nicht nur eine kritische Aufarbeitung polnisch-deutscher Nachkriegsgeschichte wünschen, sondern etwas über dieses Kosmopolen wissen wollen, von dem Artur Becker so engagiert und kritisch, da und dort auch ironisch erzählt.

 

Barbara Zeizinger

Wolfgang Schlott – für Fixpoetry

Barbara Zeizinger. Wenn ich geblieben wäre. Gedichte. Ludwigsburg (Pop Verlag) 2017. 83 S., 14,00 €, ISBN 978-3-86356-179-6.

Können Bildgedichte die Grenzen von Sprache überschreiten, vorausgesetzt, das reflektierende Ich ist sich dieses Risikos insofern bewusst, als es rechtzeitig die Augen schließt und die zur Sprache gewordene, eben noch visuell wahrgenommene Welt in einem bildlosen Reflexionsstrang „auflöst“? Barbara Zeizinger, seit vielen Jahren Mitglied der renommierten Darmstädter Textwerkstatt, Autorin des Lyrikbandes „Weitwinkel nah“ und des Romans „Am weißen Kanal“ und Mitglied mehrerer angesehener Literaturvereinigungen, ist sich dieses Spiels an der Grenze zwischen der sprachlichen Markierung von Welt und deren Auflösung bei dem Versuch, sie mit Bedeutung zu versehen, in mehrfacher Weise bewusst. Die Titelbezeichnungen der sechs Abschnitte, die den Gedichtband strukturieren, verweisen auf vage Zeiten, auf den Grundton Büchner, auf Grenzen, auf fragwürdige Verhältnisse zwischen Subjekt und Objekt, auf Utopien, die selbst in Talk Shows untergehen oder auf aufgehobene Worte. Dieser fragwürdigen Tendenz folgen auch die Bezeichnungen ihrer Gedichte, in denen Gedankenstriche in Augen auftauchen, von einem Johannes die Rede ist, der Wörter aus der Luft fängt, um mit ihnen wortlos zu kommunizieren. Selbst ein Sonntag im Oktober löst sich wortlos auf, ein Zitat aus „Dantons Tod“, in dem Gedanken sich gegenseitig beaufsichtigen, verweist auf ein Kind, das ausruft: „Ich sehe was, das du nicht siehst“ und hinter dem philosophisch aufgeladenen Begriff ‚aufgehoben‘ löst sich „die Bedeutung deiner Worte … durch einen Blick (auf) als seien Gespräche / mit mir verlorene Zeit“ (S. 70)
Das Nachdenken über Sprache bewegt das vielschichtige lyrische Ich in vielen der vorliegenden Gedichte. Im Abschnitt ‚Grundton Büchner‘, mit einem Zitat aus dessen Drama Dantons Tod, beklagt es sich über „So viele Zeichen. / Ich begreife nichts davon, denke in ihr Schweigen / zwischen Glück und Unglück liegt das Meer.“ Die Verwendung der scheinbar nicht korrekten Präposition in impliziert die Aufhebung des sprachlichen Vorgangs zugunsten einer Handlung, die zwischen Glück und Unglück sich im Meer auflöst. Stattdessen legt ein kollektives Ich Erfahrungen mithilfe von Fotos aufeinander bis sich Bilder „vermischen“. Und das Ergebnis? „Wir werden Zeiten üben. Zukunftssätze.“
Die Vermischung der Bilder, ausgeführt von einem kollektiven Ich, führt zur Frage nach der Beziehung zwischen dem Icon und einer Zeit, die häufig in den vorliegenden Gedichten in die Zukunft verlagert wird. Spricht doch die Dichterin in einem kleinen Poem, das Henry gewidmet ist - ohne die Benutzung einer expliziten Ich-Form - von einer Zeit dazwischen, nennt „Sekunden, Stunden, Jahre, … ,/ In der ein Läufer Hürden überspringt.“ Mehr noch: sie bezeichnet sogar, lakonisch pointiert, alles was in dieser Zwischenzeit entstehen könnte, eine wachsende Baugrube, sogar ein Roman, allerdings nur „aus ersten Gedanken“ geformt. Wie also „füllt“ sie die Zeit mit abgekürzten Bildern? Sind ihre Reisen durch den afrikanischen Kontinent dabei hilfreich, wie im „Blickpunkt“, in dem ihr unmittelbarer Blick auf drei Elefanten durch ein fotografiertes Prisma nur im Millimeter-Maßstab wahrgenommen werden kann und sogar – beim Vergleich mit einem Brecht-Gedicht - sich in Rauch auflöst? Ist es die hinlänglich - zumindest begrifflich vertraute - Relation von Raum und Zeit, die Barbara Zeizinger immer wieder zurückweichen lässt, wenn es um die Festlegung von Orten und Zeitfeldern geht? Wie zum Beispiel in „Ein Sonntag im Oktober“, der so vertraut mit vielen bildlichen Assoziationsfeldern wie Nebelfäden und melancholischer Winterzeit einsetzt und so unvermittelt die Stunde negiert, in der ein lyrisches Ich sich irgendwo treffen will, obwohl es von niemanden erwartet wird. Nun könnte der Eindruck entstehen, dass die so aufgelösten oder verkürzten Bilder im irdischen Zeitfenster der Dichterin irgendwelche – von der Astrophysik vermittelnden zeitlichen und räumlichen Krümmungen – Irritationen auslösen. Doch ein aufmerksamer Blick auf „Ich will den Himmel nicht vermessen“ klärt den aufmerksamen Rezipienten zumindest vorläufig auf. Im Gespräch mit einem autokommunikativen Ich (oder sogar mit einem Astrophysiker) gibt sie dort den Anspruch auf die Vermessung von kosmischen Räumen aus, weil die unzähligen leuchtenden Sterne und Planeten zwischen Nordstern und Großem Wagen „einfach nur da sind“. Und hier auf der Erde, wo „die Zeit an der Bucht scheint zu verweilen. / wo „es riecht nach Muscheln und Tang“, wo ein wahrnehmendes Ich die Augen schließt und nach dem Wieder Öffnen alles so vorfindet, wie es war? Hat die Zeit sich nur scheinbar aufgelöst? Nein, sie ist nur kürzer geworden, weil jeder Augenblick knapper als ein Flügelschlag der Silbermöwe ist. Und die anfänglich verdrängten irdischen Bilder? Sie kommen wieder, drängen sich in ein märchenhaftes Unterbewusstsein, von dem die Dichterin überaus reichlich erfüllt ist. Und die leere Parkbank auf dem Umschlag des Gedichtbands mit dem Blick auf eine kunterbunte herbstliche Parklandschaft? In weiser Voraussicht hat die Dichterin dort nicht Platz genommen, denn wenn sie geblieben wäre, hätte sie diese wunderbaren kleinen Poeme mit den aufgelösten Bildern und der beinahe verschwundenen Zeit nicht geschrieben.

 

Hans Bergel

Wolfgang Schlott – für div. Zeitschriften

Hans Bergel. Blick auf die Welt. Von Menschen, Masken und Mächten. Berlin (Edition Noack & Block) 2017. 202 S., 24,80 EUR, ISBN 978-3-86813-053-9.

Der Sammelband, bestehend aus Essays, Reden und Abhandlungen, trägt die Orientierungsmuster einer doppelten Zueignung. Im Vorwort attestiert der Verlag seinem renommierten Autor einen unorthodoxen Blickwinkel und eine enzyklopädische Sichtbreite, die sich durch eine überraschende Einheitlichkeit auszeichne. Dieses breite Spektrum der seit 1982 in verschiedenen Zeitschriften abgedruckten Aufsätze begründet Hans Bergel in seinen einleitenden Reflexionen über die „Drei Sonnen“, die sein literarisches Schaffen mit ihrer unvergleichbaren inspirierenden Strahlkraft beeinflusst hätten. Das am Grabmal von Friedrich Nietzsche aus Anlass der Jahrestagung des Exil-P.E.N. deutschsprachiger SchriftstellerInnen in Röcken im Oktober 2016 vorgetragene Bekenntnis zu den Werken von Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich von Kleist und Friedrich Nietzsche dient Hans Bergel als Leitlinie und Bekenntnis zu einer radikalen und zugleich konsequenten Betrachtung der Welt aus äußerst unterschiedlichen perspektivischen Einstellungen. Im Laufe der Jahre, so Bergel, seien sie „trotz des Absolutums ihrer Gegensätzlichkeit zur Einheit … verschmolzen“. (S. 9). Diese drei Antriebskräfte, der erweckenden (Goethe), der bändigenden (Kleist) und der fordernden (Nietzsche), hätten ihn mit einer Dreifaltigkeit ausgerüstet, ungeachtet der „unsäglichen Umdunkelungen der Zeiten“ auf der richtigen Spur zu sein.
So ausgerüstet mit den tief schürfenden Überlegungen und Bekenntnissen des Autors erfordert die Lektüre der thematisch breit angelegten Texte eine besondere Einstellung, die von der Empfehlung geleitet sein sollte, sich den einzelnen Aufsätzen mit je unterschiedlichem Interesse zu nähern. Wie umfassend und vielschichtig die Ausführungen sind, zeigen bereits die Überschriften der einzelnen Beiträge. Sie greifen Migrationsprobleme auf, verweisen auf Leben und Sterben der Kulturen wie auch auf die Poetik der rumänischen Dichterin Ana Blandiana und des aus Galizien stammenden Dichters Alfred Margul-Sperber, bewerten das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Nationaldichter Goethe, setzen sich mit diversen plastischen Reitermotiven auseinander, beschäftigen sich mit der politischen Farbsymbolik von Rot und Braun, erinnern an den bedeutenden musikhistorischen Beitrag seines Bruders Erich über die „Kunst der Fuge“ und analysieren auf der Grundlage bitterer persönlicher Erfahrungen das kriminelle Wirken des rumänischen Geheimdiensts Securitate.
Hans Bergel, der Nestor der deutschrumänischen Literatur, Schriftsteller, Philosoph und Kulturwissenschaftler legt mit diesen ausgewählten Schriften ein besonderes Zeugnis außergewöhnlich scharfsinniger Reflexionen und analysierender Beobachtungen und Wertzuschreibungen ab. Worin besteht die besondere Qualität seiner kulturhistorischen und ideologiekritischen Feuilletons? Unter Verweis auf den Untertitel der vorliegenden Publikation mit dessen Alliteration M-M-M ist festzuhalten: der Autor verbindet sehr oft das Handeln der entsprechenden Personen mit deren maskiertem Wirken unter dem zeitweiligen Schutzmantel von Mächten, konzentriert sich zugleich auf besondere Beispiele von autonomen Denkstrukturen und deren publizistische und schriftstellerische Entäußerungen. Ein Beispiel vermag diese argumentative Vorgehensweise zu verdeutlichen, wie Bergel auf der Grundlage von zeitgenössischen Aussagen über das Wesen der Deutschen und dessen Auswirkungen auf das Handeln ihrer Nation im 20. Jahrhundert das zwiespältige Verhältnis Goethes zu seinen deutschen „Landsleuten“ bewertet. „Die größten Dichter der Deutschen waren immer zugleich auch ihre unbeeinflussbaren Kritiker und ihre am wenigsten zu blendenden Analytiker. Von Lessing bis Hölderlin und Heine, von Luther (!) bis Nietzsche. Und der erste unter ihnen ist immer noch Johann Wolfgang von Goethe.“ (S. 29) Mit dieser Wertung, in der lediglich die Rolle von Martin Luther aufgrund seiner Obrigkeitshörigkeit im späten Alter anzuzweifeln ist, verbindet Bergel die besonders kritische Haltung des Weimarer Dichterfürsten gegenüber den Deutschen: „Ich habe so oft einen bitteren Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volks, das so achtbar im Einzelnen und so miserabel im Ganzen ist.“ Die aus dem Jahr 1813 stammende Aussage und weitere kritische Äußerungen Goethes über die Deutschen nimmt Bergel zum Anlass, sich über dessen schwindende Berücksichtigung seiner dichterischen Werke im Schulunterricht zu beklagen. Mehr noch, er verweist auf benachbarte Kulturnationen, die ihre Genies in steter wachsamer Erinnerungen bewahren würden. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass eine „solche Misere deutschen Kulturgefühls der Gegenwart … nicht zuletzt damit zusammen(hängt), dass eine nach der Offenlegung der NS-Gräuel aus dem inneren Gleichgewicht geratene Gesellschaft … die Peinlichkeit beging, die Schuld an der Katastrophe der jüngsten deutschen Geschichte in Traditionen ihres bedeutenden geistigen Erbes zu suchen, anstatt sich selber der fatalen Missachtung und tendenziösen Deutung dieses Erbes zu bezichtigen.“ (S. 32)
Die Stimme des 1968 aus der deutschsprachigen Kulturlandschaft Siebenbürgen in Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland eingereisten Schriftstellers Hans Bergel besitzt aus mehreren Gründen ein besonderes Gewicht bei der Einschätzung der kulturpolitischen Situation im Nachkriegs-Deutschland. Der wegen seines nonkonformistischen Schaffens und seiner konsequenten antikommunistischen Haltung in Rumänien zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilte Autor zahlreicher Romane und Erzählungen wie auch vieler publizistischer Abhandlungen erweist sich aufgrund der schmerzlichen Erfahrungen in seinem Heimatland, seiner kritisch-abwägenden Haltung gegenüber seinen Landsleuten wie auch seiner umfassenden transkontinentalen Einsichten als Aufklärer besonderen Grades. Seine fundierten, kritisch abwägenden Schriften rezipieren nicht nur das Erbe abendländischen Denkens und Handelns, sie greifen auch in das – freilich zusehend – unübersichtlicher werdende Getriebe der europäischen Politik ein. Das ihm dabei zur Verfügung stehende überbordende abendländische Handlungswissen erweist sich jedoch angesichts wachsender Spezialisierung und unkontrollierbarer Datenmengen trotz hoher Reflexionskraft der zur Verfügung stehenden Generatoren als noch nicht ausreichend, um den computergetriebenen digitalen Systemen im 21. Jahrhundert praktikable Lösungen abzuringen. Ungeachtet dessen bleiben die hier vorgelegten fundierten Schriften ein bedeutendes Zeugnis der „heroischen Mitte der Humanitas“, um Bergels Befund über die Absurde der Normalität abschließend zu zitieren. Dieses freilich vorläufige Urteil schließt jedoch nicht aus, dass die Schnittmenge der hier vorgelegten Werturteile viele Anregungen für themenübergreifende Diskurse bringt, vorausgesetzt, die aus einem hohen Potenzial von Lebenserfahrung entstandenen Texte werden in einer breiten interessierten Öffentlichkeit diskutiert.

 

S. Katharina Eismann

Wolfgang Schlott – für Matrix und Halbjahresschrift f. Südosteuropa

S. Katharina Eismann. Reise durch die Heimat. Von Offenbach nach Temeswar. Gedichte. Frankfurt/M. (Größenwahn Verlag) 2017, 112 S., 16,90 EURO. ISBN: 978-3-95771-178-6.

Der fantasievoll von Marto O‘Sigma gestaltete Einband, auf dem unten links Offenbach am Main als Schild und rechts unten die Abbildung des römisch-katholischen Doms in Temeswar zu sehen ist, verweist auf der schriftlichen wie auch auf der bildsymbolischen Ebene auf eine ungewöhnliche Reise. Es ist die Darstellung des Stoffdrachens auf dem schwarzen Hintergrund des Titeleinbands, der den Betrachter bei dessen vergleichenden Blick auf den Titel des Gedichtbandes zunächst irritiert und ihn zu der Frage bewegt: Geht die poetische Reise der Autorin durch die Heimat hindurch oder verfolgt sie ein bestimmtes Ziel? Die Biografie von Katharina Eismann gibt darauf in Stichworten eine vorläufige Antwort: 1964 unter Donauschwaben, Ungarn und Serben im rumänischen Timișoara geboren, 1980 in die Bundesrepublik Deutschland emigriert, in den 1990er Jahren Studium der Slawistik, Übersetzerin für Englisch, Spanisch und Französisch. Dann der „Quereinstieg in ein Kreativunternehmen im Frankfurter Osthafen“ (S. 105), eine stattliche Anzahl von Gedichten, Auftritte auf Kleinstbühnen und eine beginnende Karriere als Organisationsmanagerin. Und nun der Gedichtband von einer Reise mit einem „Paprikaraumschiff, (das) „mein Traumschiff (ist)“. Es ist eine Reise voller Überraschungen, Sascha, Sven und Stolly gewidmet, eingeleitet durch ein tiefgründendes Vor-Wort von Jürgen Eichenauer, Leiter im Haus der Stadtgeschichte in Offenbach. Er gibt einen umfassenden Einblick in die wechselvolle Geschichte der Donauschwaben, indem er Katharina Eismanns poetisches Schaffen als einen Versuch wertet, von Offenbach aus eine eigenwillige, innovative Betrachtung von Heimat vorzunehmen. Es sind geografische und kulturhistorische Überlagerungen, Ergebnisse von militärgeschichtlichen Verwerfungen und rassistischer Vernichtung. Rostende Gassen in Temeswar, brennende Synagogen in Offenbach, rücksichtslose städtebauliche Eingriffe – die Palette der Einschnitte in die Wahrnehmung der Main-Monopole Offenbach und der Stadt Temeswar an der Bega ist umfassend. Doch Katharinas Gedichte, die aus der oralen Tradition der mittelalterlichen Marktschreier/innen rühren, verbinden lustvolle Erinnerungen mit scharfer Kritik an den „Sünden“ der nahen Vergangenheit. Das einleitende „Apfelstück aus Offenbach“ beweist es in voller Länge. Hier spricht kein gefühliges lyrisches Ich, hier geht es von Anfang an um erlebte, fantasievoll aufgeladene Stadtgeschichte. Am Lili-Tempel, jenem vom Ende des 18. Jahrhundert stammenden Pavillon am Main, „hetzt Goethe / im morschen Zaubermantel / durch borstige Schilflieder…“; das Apfelstück am Markthäuschen wird „am Stammtisch der Dialekte“ von zischenden Apfelbetreibern vertilgt; in „Marktsituationen in fünf Akten“ am Offenbacher Marktplatz tauchen Käseminister auf und „der Brotengel hat die mehlige Schürze / von Ostern bis Weihnachten umgebunden.“ Das sind Sahnestückchen, gebacken in der deftigen Tradition von oraler Volkspoesie, gemischt mit Leckerbissen aus urbanen Konditoreien!
Und die Reise nach dem Banat, die Donau entlang, in der visionären Gestalt einer Nomadenbraut? Die überbordende Fantasie und das Gespür für soziale Bruchzonen schaffen immer neue unerwartete Bildfetzen. Da ist es eine Pizzi-Chefin, eine Mafiatante aus “der grünschlammigen / Aktionszentrale / an der Donau“, da „flucht Orban von der Kettenbrücke“ in Budapest und da sitzt ein Mokkafürst in der Josefstadt, einem Stadtteil von Temeswar, „zählt seine Wertpapiere / mit einem Satz / macht er einen Satz nach Balkanova.“ Und die Ankunft in der ungekrönten Hauptstadt vom Banat? Da dröhnt „Balkangepolter“, da rumpelt die Tuba im wilden Getrubel, da „lamentiert der Bräutigam/ wer hat meine Braut entführt/ Salto im Lamento.“
Katharinas Vorrat an originellen Wortschöpfungen in Verbindung mit gewagten Bildkombination scheint unerschöpflich. Hier kreiert eine Poetin unerwartete Gedankensprünge, ohne schwindlig zu werden, hier überlagert sich Vergangenheit mit einer Gegenwart, in der die Akteure auf ihrem Weg vom Main über die Donau zur Bega ihre eigenständigen Wahrnehmungen von vagabundierender Heimat machen. Es ist eine sich auflösende Heimat, in der die Poetin mit Vehemenz, hoher Kreativität und unbekümmerter Schaffenslust in ihrem „Paprikaraumschiff“ dicht über der sichtbaren Realität fliegend ihre lustigen und gewagten Visionen einer umgedrehten Welt schafft.

 

Tamara Labas

Wolfgang Schlott – für div. Zeitschriften

Tamara Labas. Zwoelf. Frankfurt /M (Größenwahn Verlag) 2017. 122 S., 16,90 EURO, ISBN 978-3-95771-144-1.

Gedichte / im gras / am himmel / unter der sonne & im schnee, so lautet der Untertitel der Publikation, die nicht nur beim Betrachten des Einbandes eine Fülle von Assoziationen auslöst, sondern auch durch die Gestaltung der Zahl zwoelf sofort ins Auge fällt. Ein dunkelblauer Kosmos, flirrendes Licht, das zahlreiche Wolkenbündel erleuchtet und eine stilisierte Haubenmeise (?), die auf dem vorletzten Buchstaben der zwoelf etwas signalisiert, was die Autorin in einer doppelten Botschaft ankündigt: für das kind, / das mich wach kitzelte und lausche meinem atem / und warme sommerluft / strömt in mich hinein. Taktile, auditive, visuelle und haptische Elemente treffen hier aufeinander und schaffen schon vor den ersten Leseeindrücken eine wachsende Erwartung. Gesteigert wird sie noch durch das Vorwort aus der Feder von Francesco Fiorentino, einem Professor für Germanistik aus Rom. Unter dem Motto „Wie Poesie ein unschätzbares Medium der Öffnung zum Fremden sein kann“ zeichnet Fiorentino die ästhetischen Konturen der Gedichte von Tamara Labas nach, indem er deren „wundervolle(n) Bilder der Entfremdung, der Verfremdung und der schönen Fremdheit zwischen Natur und Menschen, zwischen Menschen und Menschen“ hervorheben. Es sind vor allem zwei Begriffe, die wesentliche Aussagen in den vorliegenden Gedichten bündeln: Natur und kulturelle Traditionen, deren Inhalte sich vehement verändern und deren Ausdrucksformen einen oft erschreckenden Wandel erleben. Natur, so Fiorentino, sei in diesen Gedichten „nicht zuletzt ein Transit-Raum, durchquert von Menschen, die alle Migranten sind.“ Mehr noch: „Unsere Vergangenheit ist eine migrante geworden; keine feste kulturelle Tradition kann sie zusammenhalten. Sie lebt in der Form von Scherben.“ Und diese in Scherben zerfallene Tradition rufe „Spuren des inneren Sinns“ hervor, die in den vorliegenden Gedichten vor dem zeitlichen Hintergrund von zwölf Monaten aufgedeckt werden.
Es gehört zu den besonderen Merkmalen des aufwendig gestalteten Gedichtbandes, dass der 12-Jahreszeitzyklus von März bis Februar jeweils zu Beginn eines neuen Monats mit einem Doppelblatt eingeleitet wird. Auf ihm sind in lateinischen, manchmal auch in griechischen Lettern auf hellgrauem Hintergrund kurze Texte, manche bruchstückhaft, andere in Zitat-Form abgedruckt, die auch auf die folgenden Gedichte verweisen. Auf diese Weise entsteht eine wachsende Spannung in der Erwartung der folgenden Gedichte, deren Inhalte sich oft auf besondere Merkmale von Jahreszeiten beziehen, aber vor allem das Lebensgefühl der Autorin lustvoll beschreiben. Dabei bedient sie sich eines lyrischen Ich, das in immer neue Gewänder und Stimmungen schlüpft, so wie im einleitenden Gedicht, einem Dialog mit einem Grashüpfer, dem es einen Kuss gibt. Wer nun vermutet, hier entfalte sich ein Sentimentalismus, der seinen Lesern/innen ein naives Verhältnis zur Natur einrede, der liegt ziemlich schief. Tamara Labas gelingt es mit der spielerischen, leidenschaftlichen, körperintensiven und zugleich kritischen Darlegung einer sorgfältig beobachtenden Lyrikerin einen anderen Zugang zu Natur zu erreichen. Er ist, wie der Text „Dunkle Muschelschale“ aus dem grauen Monat November eindrucksvoll zeigt, von Glücksmomenten erfüllt, weil „zwischen himmel und erde /… / wo bunte blumen wachsen / weil ihre samen verstreut vom wind / aus aller herren länder / dazwischen irgendwo (bin) ich.“
Ein eindrucksstarkes Gedicht, das ebenso wie die Mehrzahl der rund hundert Texte in freien Rhythmen gestaltet ist, leitet den Monat August ein. Der „Tanz mit dem wilden Stier im August“ erweist sich als Spiel mit dem Leben, wobei die Tänzerin ihre Ängste in den Wind schleudert, über die Maske lacht, die sich auflöst unter der Wirkung ihrer heiteren Unbekümmertheit. In diesen Rhythmen, die dann und wann auch aus dem Takt kommen, entfaltet sich eine Gestik, die den Naturraum in einen Spielplatz praller Lebenslust verwandelt. Und wo bleibt das Fremde im interkulturellen Lebensraum, wo die „drohenden Scherben“, die Francesco Fiorentino in seinem Vorwort diagnostiziert hat? Es ist augenscheinlich in den Räumen dazwischen verschwunden, in denen Tamara Labas ihre lebenslustigen Tänze aufführt. Sie kommuniziert mit allen natürlichen Wesen und führt einen transkulturellen Dialog. Die Voraussetzungen dafür hat sie sich in der Auseinandersetzung mit ihrer soziokulturellen Umwelt geschaffen. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb geboren, mit ihren Eltern nach Frankfurt am Main ausgewandert, hat sie nach dem Schulbesuch an der Goethe-Universität Germanistik studiert. Erste Veröffentlichungen von Gedichten und Erzählungen in Anthologien folgen. Aufgrund ihrer Tätigkeit als Herausgeberin einer Anthologie lenkt sie auch Aufmerksamkeit vieler Literaturfreunde auf sich. Außerdem leitet sie den „Literaturclub der Frauen aus aller Welt e.V.“, erhält erste Auszeichnungen für ihre lyrischen Werke. Mit der Veröffentlichung des Gedichtbandes „zwoelf“ ist ihr nun der Einstieg in die hart umkämpfte Kommune der professionellen Lyrikproduzenten gelungen.

 

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